loading

Die Bilderwelt Aaron Rahes ist voll von skurrilen, phantastischen, surrealen Figuren. Sie sind deformiert, mal haben sie keine Arme, mal äußerst fragile Beine; es sind Körper mit zwei Köpfen, durch Pflaster zusammengehalten; leere Augen blicken blöd, andere Figuren haben nur ein Auge; wir sehen einen riesigen Totenschädel mit breit grinsender Zahnreihe und einer Pinocchio-Nase. Da ist, wie der Künstler selbst es beschreibt, kaum etwas ganz, alles ist rudimentär, angefressen, zusammengeflickt, deformiert, orientierungslos, übertrieben fröhlich, der Lächerlichkeit preisgegeben. Eine Welt an ihrem absurden Ende.

Doch da ist auch ein anderes Werk: es ist präzise, klar, ordentlich. Und es ist kein Gemälde, sondern eine Skulptur. Ausgangspunkt ist eines der rätselhaftesten Werke der Kunstgeschichte, Albrecht Dürers Kupferstich Melencolia I (1514). Darin sitzt ein geflügeltes Wesen nachdenklich grübelnd vor einem Rhomboederstumpf, einem äußerst komplexen geometrischen Konstrukt. Dieses Polyeder baut Aaron vielfach nach und türmt die Gebilde zu einer – tendenziell endlosen – Säule auf, nicht ohne sie zuvor mit den Insignien von Andy Warhols Brillo-Boxes versehen zu haben. Titel des Werks: I love America and America loves me.

Dieses Kunstwerk ist ein kleiner Geniestreich, zitiert es doch nicht weniger als fünf Heroen der Kunstgeschichte: Dürer, Warhol, den Rumänen Constantin Brancusi, der die Idee der endlosen Säule entwickelte, sowie Joseph Beuys, dessen New Yorker Aktion aus dem Jahr 1974 den Titel stiftete. Der Mystiker Beuys und der Pop-Artist Warhol gehörten zur vorletzten Generation der „heroischen“ Moderne, bevor die Konzept-Kunst diese Epoche besiegelte und die Post-Moderne Einzug hielt. Brancusi gilt als Wegbereiter der minimalistisch-konzeptuellen Kunst. Aarons Hommage an die Moderne ist zugleich deren Karikatur: denn kann man sich etwas Absurderes vorstellen, als ausgerechnet eine der kompliziertesten geometrischen Figuren als Grundlage endloser Wiederholungen zu nehmen?

Mit dieser Skulptur kennzeichnet der junge Künstler die Situation, vor die seine Generation sich gestellt sieht: es ist ein Trümmerhaufen. Der zentrale Treibstoff der Moderne, die Innovation, ist verpufft; Aarons Bild NEU reduziert dieses Prinzip auf ein banales Marketing-Tool. Die Post-Moderne, die sich in den 1980er Jahren an der Avantgarde abarbeitete und der alles gleich-wertig war, hilft auch nicht weiter; in dem Bild NEU lesen wir den Schriftzug „THOSE WHO DO NOT LEARN FROM DIE ACHTZIGER ARE DOOMED TO REPEAT IT“. „Es gibt keine Innovation in der Kunst,“ resümiert der Künstler, „Malerei und Skulptur sind altmodisch, darum sind sie eine Spielwiese für Innovation“. Will sagen: der einzige Weg aus diesem Trümmerhaufen heraus ist die Beschäftigung mit den Grundfragen der Kunst.

Bevor Aaron Rahe zur Kunst kam, studierte er Philosophie, und die Beschäftigung mit Kant, Nietzsche, Wittgenstein und dem Strukturalisten Ferdinand de Saussure gab ihm eine theoretische Grundlage für seine bildnerischen Überlegungen. So verbindet er Kants Begriff vom „Ding an sich“ mit einem uralten künstlerischen Problem, der Beziehung von Figur und Grund: Jedes Ding, jede Figur in einem Bild muss mit dem Grund zu einer Einheit verbunden werden – ein Prinzip, das ebenso für das Dasein des Menschen in der Welt gilt. Akribisch untersucht er den Zusammenhang zwischen dem Bild und dem, was es repräsentiert: breite Pinselstriche weisen auf die Nachbildung hin, die Collage fügt reale Objekte (die wiederum etwas abbilden) in die Kunst-Welt ein.

Wenn es für Rahes Generation ein Vorbild, einen Helden gibt, dann ist es der Anti-Held Martin Kippenberger. Wie kein anderer hat er mit seiner „schmutzigen Malerei“ das Klischee des Künstler-Genies untergraben, stets frech grinsend, oft melancholisch gestimmt – ganz wie das geflügelte Wesen ins Dürers Melencolia. Aaron Rahe malt sich selbst als ein solches Wesen, mit zähnefletschendem Lächeln gibt er als Zeppelin den Überflieger, den Künstler neuen, ganz alten Typs. Eben so, wie der große Kunsthistoriker Erwin Panofski Dürers Kupferstich interpretiert: die Künstlermelancholie als Zeichen des Genies.

Biographie

1986 geboren im Teutoburger Wald
2005-07 Studium der Philosophie, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
2010-12 Magister Artium
2010-12 Masterstudium Freie Kunst, Muthesius Kunsthochschule Kiel bei Jürgen Partenheimer, dann Freie Klasse, anschließend Klasse Antje Majewski
2012-15 Universität der Künste Berlin, Klasse Valérie Favre, Absolvent, Meisterschüler

Ausstellungen (Auswahl)

2015 3 Tage Kunst, Kommunale Galerie Charlottenburg, Berlin
p/art Hamburg
2014 Bürgergalerie, Neumünster (solo)
Projektraum DMNDKT, Berlin
2013 happy black bile. Projektraum zqm, Berlin (solo)
Galerie Lake, Oldenburg
Sezzession, Berlin
Nachschlag, Uferhallen Berlin
2012 Kunstfoyer am Langenweg, Oldenburg (solo)
Strange but true, Kiel
2011 Galerie schwarz | weiss, Osnabrück (solo)
Landesvertretung Schleswig-Holsteins, Brüssel
Gängeviertel, Hamburg
Galerie des bbk Oldenburg
2010 arte regionale V, Museum Villa Stahmer, Georgsmarienhütte (solo)
2009 Künstlerhaus Jan Oeltjen, Jaderberg (solo)
Grafikbiennale Novosibirsk (Projektbeteiligung unter Cornelia Sollfrank)
2007 Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte im Oldenburger Schloss

Werke