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Dieses Werk kommt mit bemerkenswert geringen Mitteln aus, im wesentlichen besteht es aus Spiegeln, Aluminium und schwarzer Ölfarbe (in den jüngsten Werken ergänzt durch Polyesterfolie). Aber das Thema, das Jinny Yu bearbeitet, könnte größer kaum sein: Es ist die Malerei an sich. Hier finden wir, wie in einem Lehrbuch, alle jene Bereiche, die Künstler und Theoretiker immer und immer wieder beschäftigen, vorgetragen mit kühler Intellektualität wie mit – ironisch gefärbtem – Engagement. Wir können hier nur einige der Themen nennen:

  • Widerspiegelung der Welt: Bereits der Malgrund, Spiegel und Aluminium, zielt auf dieses Grundthema traditioneller Malerei. Die leicht verwischte Spiegelung des Aluminums wirft die Frage auf, wie exakt eine malerische Wiedergabe überhaupt sein kann.
  • Bildraum: Mit dem reflektierenden Bildgrund beantwortet sie eines der zentralen Anliegen abendländischer Malerei seit der Renaissance: Was könnte einen gelungeneren Illusionsraum kreieren als ein Spiegel?
  • Bildträger: Mit ihren Spiegeln löst Jinny Yu den traditionellen Bildträger gewissermaßen auf, er ist sichtbar und unsichtbar zugleich. In den jüngsten Werken aus dünner, frei fließender Polyesterfolie fallen Grund und Bild zu einem Objekt zusammen.
  • Illusion: Das Erschaffen von Illusion gehört zu den zentralen Aufgaben der Malerei; Jinny Yu nutzt dazu wiederum den Spiegel. Angesichts der vielfachen Reflexionen des über Eck angebrachten Non-Painting Painting wissen wir kaum noch, auf welcher Reflexionsebene wir uns befinden, wo genau das hier zitierte Eck-Bild von Malewitsch nun steckt.
  • Farbe: In der Reduktion auf schwarze Ölfarbe liegt – als ihr Gegensatz – die Fülle aller Regenbogen-Farben, die wir durch das Schwarz hindurch tatsächlich wahrnehmen, denn der Spiegel enthält unsere bunte Umgebung.
  • Abstraktion vs. erzählerischem Inhalt: Diesen zähen Konflikt löst Jinny Yu, indem sie mit abstrakten Mitteln Geschichten erzählt: über das Malen, die Auseinandersetzung mit großen Vorbildern, wie man eine Wand erobert etc.
  • Expressiv vs. konstruktiv: Diesen „ewigen“ Konflikt der Malerei (einst als Kampf zwischen colore und disegno geführt) löst Jinny Yu, indem sie mit ihrer sehr bewusst eingesetzte Pinselführung die Balance hält zwischen expressiver Subjektivität und perfekter Kontrolle.

Indem ihr Werk zwischen Gemälde, Skulptur und Relief oszilliert, löst die Künstlerin die tradierten Gattungen auf; und sie wendet sich den Genres zu: so kann das Studiowork # 37 als ironisches Zitat eines der beliebtesten Genres, des Stilllebens, verstanden werden. Und nicht zu vergessen: die Wand, auch dies ein beständiges Thema, in der Bandbreite von Bildträger (bei Wandmalerei/Fresko) über den neutralen Hänge-Grund bis zum unmittelbaren Einbezug in das Kunstwerk, wie es geschieht, wenn eine Glasscheibe gegen die Wand gelehnt wird und ein Rahmen das Glas umspannt (Painting=Subject+Boundary): Sofort ist die Wand – und damit die gesamte Umwelt – Teil des Werks.

Zu Jinny Yus zentralen Bezugspunkten gehören – neben Kasimir Malewitsch – die Maler der New York School, insbesondere Barnett Newman und Ad Reinhardt mit ihrem Bemühen um das „Letzte Bild“, den Endpunkt der Malerei. Dem nähert Jinny sich auf ihre Weise – und dreht die Sache so um, dass diese Haltung kein End- sondern ein Ausgangspunkt ist für eine neue, weitere Phase der Malerei. Den Heroen Jackson Pollock zitiert Jinny (bereits im Titel) im Video Number 37 mit – eher filigranen, „weiblichen“ – Farbspritzereien. Zugleich ist dieses Werk ein Verweis auf Picasso, dessen Genie man einst auf die Schliche zu kommen hoffte, indem man ihn durch eine Glasscheibe hindurch beim Malen auf das Glas filmte.

Mit diesem Zitat der Suche nach dem Genie in der Kunst spricht Jinny Yu das Thema an, das nicht nur der Malerei, sondern aller Kunst – insbesondere der Moderne – immer noch zugrunde liegt: das Thema des genialen Künstlers. Ihre Antwort: Kunst ist vor allem Nachdenken, ist Wissen und Information – und Nachdenken. Und Tun. Und dabei die nötige Portion Witz und Ironie nicht vergessen.

Biographie

1976 geboren in Seoul, Süd-Korea
1998 Bachelor of Fine Arts (Painting and Drawing), Concordia University, Montreal, Kanada
2002 Master of Fine Arts (Visual Arts), York University, Toronto, Kanada Master of Business Administration, Schulich School of Business, Toronto
  Jinny Yu lebt in Kanada und Italien, gelegentlich in Berlin. Sie ist Associate Professor of Painting an der University of Ottawa

Ausstellungen, Stipendien, preise

Jinny Yus Arbeiten wurden in einer Vielzahl von Ausstellungen präsentiert, darunter: Nuova Icona, Oratorio di San Ludovico, Venedig; ISCP Gallery, Brooklyn; Pulse New York; Scope New York; Bevilacqua La Masa Foundation, Venedig; Kunst Doc Art Gallery, Seoul; Kyoto Municipal Museum of Art, Kyoto; Conduit Street Gallery, Sotheby’s, London; Carleton University Art Gallery, Ottawa; Taehwa Eco Art Festival, Ulsan City, Korea; Confederation Centre Art Gallery, Charlottetown, Kanada; McMaster Museum of Art, Hamilton.
Sie wurde 2012 mit dem Laura Ciruls Painting Award von der Ontario Arts Foundation ausgezeichnet und war 2011 Finalistin für den Pulse Prize New York. Sie erhielt Stipendien vom Canada Council for the Arts, Ontario Arts Council, und dem Conseil des Arts et des Lettres du Québec.

gastaufenthalte

2012 Seoul Museum of Art Nanji Art Studios, Seoul
2010-11 International Studio & Curatorial Program (ISCP), Brooklyn, New York 
2010 Pan! Peinture, Painting symposium, Québec, Kanada Confederation Centre of the Arts Gallery, Charlottetown, Canada
2005 Bei Gao Artist Residency, Red Gate Gallery, Beijing
2004 Kunststiftung Starke, Berlin
1999 Thematic Residency Landscape, Banff Centre for the Arts, Banff, Canada
  Für eine vollständige Biographie sehen Sie bitte Jinnys Website.

Werke