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Model Shift

Ulrike Schmitz befasst sich mit dem Wesen von Wissenschaft und Kunst und dem Verhältnis der beiden Disziplinen zueinander. Ihre Fotos stellen Fragen, wie: Was ist Realität, was Fiktion? Was wissen wir tatsächlich, wie weit nehmen wir wissenschaftliche Thesen für die Realität? Wie kann die Wirklichkeit sinnvoll abgebildet, repräsentiert werden? Eines unserer Fotos (es ist das letzte in der Reihe) thematisiert eine finanzmathematische Formel, die aufzeigt, wie die Welt – oder wenigstens ein Teil der Finanzwelt – strukturiert ist; auf einer Unmenge von Papier ist diese Formel dargelegt und ihre Gültigkeit bewiesen. Die globale Finanzkrise zeigte jedoch, dass die Formel zu falschen Bewertungen führte. In ähnlicher Weise ist der beigefügte quadratische Bilderrahmen verschoben – die Formel und der Rahmen sind beide „falsch“.

Kunst und Wissenschaft werden oft in einem Atemzug genannt, nicht zuletzt in der staatlichen Bürokratie, die beides gern in einem Ressort verwaltet. Die stillschweigende Übereinkunft dabei ist, dass die zwei Disziplinen höchst unterschiedlich, geradezu gegensätzlich sind: Hier die exakte Wissenschaft, in der alles mess- und überprüfbar ist, dort die schönen Künste, die dem Bereich des Intuitiven, Emotionalen zugewiesen werden. Ulrike Schmitz hat in beiden Bereichen gearbeitet, sie hat Kunsttheorie studiert und ist promovierte Juristin, und sie begann ihre künstlerische Arbeit im Bereich der Dokumentar-Fotografie.

In dieser Foto-Serie überträgt sie veraltete wissenschaftliche Modelle in ihre eigene künstlerische Sprache. Dabei geht sie von den Bildern und Modellen aus, mit denen die Wissenschaft ihre Thesen untermauert. So sollen etwa computertomographische Aufnahmen des Gehirns das Hemisphärenmodell einer bipolaren Weltsicht stützen: danach ist die linke Gehirnhälfte zuständig für das Rationale, Analytische und Logische, die rechte für das Musische, Kreative, Emotionale. Allerdings ist dieses Modell überholt, das heißt, die Forscher haben sich geirrt, und es kommt zu einem Paradigmenwechsel. Ulrike Schmitz nennt diesen Vorgang „model shift“ und übernimmt den Begriff als Titel ihrer Serie. Des veralteten Hemisphären-Modells hat sich die Fotografin mehrfach in ihrer Arbeit bedient.

Ihr Vorgehen ist wie ein weit ausgreifender Zirkel. Am Anfang steht die Wissenschaft und deren Verdichtung von Realität in Symbole, seien es physisch greifbare, wie das Atom-Modell, seien es mathematische Formeln. Diese Erkenntnisse eignet Ulrike Schmitz sich in langen Recherchen, in ausufernder Lektüre an – um ihr Wissen dann in einem dritten Schritt wieder zu verdrängen. Das verbleibende „intuitive Wissen“ verwandelt sie in einer Art von Performance schließlich in rätselhafte Inszenierungen, mit denen sie ihre inneren Zustände, ihre innere Welt dokumentiert.

Diese Fotos umkreisen also die verschiedenen Möglichkeiten, die Welt zu verstehen und wiederzugeben und betonen dabei den künstlerisch-intuitiven Weg, der zu einer vielleicht angemesseneren Wahrheit führt – einer Wahrheit, wie wir sie aus Mythen, Religionen oder Märchen kennen. Die von Ulrike Schmitz geschaffenen Bilder sind dank der exakten dokumentarischen Fotografie in jedem Detail genau zu benennen, ihr Sinn aber bleibt im Ungefähren – es sei denn, die Künstlerin informiert uns über das jeweils zugrunde liegende wissenschaftliche Modell. Aber ob das uns hilft, die Fotos zu verstehen? Oder folgen wir nicht doch besser unserer Intuition?

Werke

Biographie

1975 geboren in Rostock
2012 Ostkreuzschule für Fotografie
2015 reGeneration3, Musée de l’Elysée, Lausanne, Schweiz
2016 PLAT(T)FORM, Fotomuseum Winterthur, Schweiz
Studium Kunst im Kontext, Universität der Künste, Berlin

Lebt und arbeitet seit 2007 in Berlin.

Ausstellungen (Auswahl)

E = Einzelausstellung

2016 reGeneration3, QUAD Gallery, Derby, Großbritannien; Centro Nacional de las Artes, Mexiko City
Les Boutographies, Rencontres Photographiques de Montpellier, Frankreich
MIXTAPE, K.K. fon Stricka villa, Riga Photomonth, Lettland
 2015 Nominierung Prix Voies Off, Arles, Frankreich
reGeneration3, Musée de l’Elysée, Lausanne, Schweiz; Museo Amparo, Puebla, Mexiko
[past] looking [past], art foundation metamatic:taf, Athen
Head On Photo Festival, Sydney
Adaptation, Journées photographiques de Bienne, Schweiz
Der Greif, kuratiert von Kim Knoppers, Foam Museum Amsterdam
ISSP International Masterclass, Kuldiga, Lettland
Just Another Photo Festival, New Delhi
 2014 Circulation(s), Le CENTQUATRE-PARIS, Paris; Historisches Museum, Sofia
Photoville, New York
Museum Deiner Erinnerung, Deutsch-Russisches Museum, Berlin (E)
Les Boutographies, Rencontres Photographiques de Montpellier, Frankreich
The Metro Exhibition, Copenhagen Photo Festival
International Photo Festival Leiden, Niederlande
 2013 Voies Off, Sélections 2013, Arles, Frankreich
Museum Deiner Erinnerung, exposure twelve, Berlin (E)
Im Lauf der Zeit, Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Wiesbaden
 2012

NEAR by Night, Swiss association for contemporary photography, Lausanne, Schweiz
FLOOD WALL, exposure twelve, Berlin; Galerie CONS ARC, Chiasso, Schweiz; Manifesto Festival, Toulouse, Frankreich
echos, Ostkreuzschule, Berlin

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Website der Künstlerin.