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Raffael Rheinsberg beim Aufbau der Arbeit in Kiel

“Ich suche nicht, ich finde”: wenige andere Künstler folgen diesem Motto Picassos so wortgetreu wie Raffael Rheinsberg. Er geht mit offenen Augen durch die Welt, sucht nichts Bestimmes – und stößt mit großer Sicherheit auf die symbolhaften Zeichen für Geschichte, Politik und Gesellschaft. Seit Mitte der 1970er Jahre gehört er zusammen mit Christian Boltanski, Nikolaus Lang, Anne & Patrick Poirier, Jochen Gerz oder auch Joseph Beuys zu den Künstlern der “Spurensicherung”, die der Konzeptkunst eine dezidiert sozialpolitische und historische Dimension verleiht.

Als Rheinsberg im November 1991 erstmals nach Tokio kommt, um an einer Ausstellung im Sezon Museum of Modern Art teilzunehmen, ist er sofort fasziniert von der ungeheuren Energie und dem organisierten Chaos der Millionen-Metropole. Vom 60. Stockwerk seines Hotels erscheinen ihm die Bewegungen der Menschenmassen und Verkehrsströme wie von unsichtbarer Hand geleitet, gewissermaßen von Computern gesteuert, wie die unbemannten Bahnen und Züge Tokios. Japan ist eines der weltweiten Zentren dieser Technologie, die unsere moderne Welt im Innersten zusammenhält.

Platinen-Schrott

Bei seinen Stadterkundungen gerät der Künstler auf den größten Computer-Schrottplatz Tokios mit endlos gestapelten Leiterplatten, dem Kern jeder elektronischen Datenverarbeitungsanlage. Die auf und in ihnen steckenden Prozessoren, Kondensatoren, Trafos, Regler, Steckplätze, Widerstände, Schalter, Transistoren, Dioden sind die handfeste Basis der Computertechnologie mit ihren “ungreifbaren” Energie- und Datenströmen. Die mehr und mehr virtuelle Arbeit dieser Geräte wird hier fassbare Realität – wir können den Computern tatsächlich bei der Arbeit zusehen. Die Gestaltung dieser Platinen ist ausschließlich zweckorientiert, und doch entfalten sie in ihrer Vielfalt an Formen und Farben eine eigentümliche Faszination.

Schnell ist die Verbindung hergestellt zwischen diesen Rechner-Platten und unserer Welt insgesamt, ein Blick aus seinem Wokenkratzer-Hotel auf die tief unter ihm liegende Stadt drängt dem Künstler den Vergleich geradezu auf: Zu einem geordneten Feld geformt, verwandeln sich die Platinen unversehens in Stadtquartiere mit hohen, niedrigen, runden, eckigen, seriellen und singulären Bauten, mit Wohnhäusern, Läden und Fabriken; die oft vergoldeten oder versilberten Kupferbahnen stehen für die gesteuerten Verkehrsflüsse. Sogar die Küstenlinie Tokios mit ihren Docks und Landaufschüttungen formt Rheinsberg nach, indem er das ansonsten scharf abgekantete Feld an einer Seite offen ausfransen lässt. Und das Grün, die traditionelle, produktionsbedingte Grundfarbe der Platinen, evoziert die Natur, die rudimentär noch im dichtesten Stadtgefüge aus Stein und Stahl vorhanden ist.

Diese Arbeit evoziert die Ruinen-Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts, als man sich in vergangene Größe hineinträumte und die Schönheit des Verfalls genoss. Auf ähnliche Weise ist dieses Platinen-Feld mit seiner so schnell veralteten Technologie ein Symbol für das Pathos der Moderne und ihre bedingungslose Fortschrittsgläubigkeit, die ganz auf Rationalität beruht, dabei zutiefst romantisch ist.

biographie

1943 in Kiel geboren, absolviert Raffael Rheinsberg zunächst eine Lehre als Former und Gießer und studiert anschließend an der Kieler Fachhochschule für Gestaltung. 1979 siedelt er nach Berlin um, wo er mit seiner Erforschung des brachliegenden Geländes des Anhalter Bahnhofs sogleich für Aufsehen sorgt (“Ruine oder Tempel?”). Seine ersten Ausstellungen konzentrieren sich auf Galerien und Institutionen im nordeuropäischen Raum, bald jedoch ist er mit seinen Erkundungen weltweit unterwegs: von Paris, Wien, Brüssel, Rom, Venedig und Lissabon über Dublin und Prag bis hin nach Istanbul, Tokio, New York, Chicago, Washington, Los Angeles und Rio de Janeiro. In der Regel entstehen die jeweils ausgestellten Arbeiten mit den vor Ort gefundenen Objekten.

Mehrere Stipendien und Preise sind eine Anerkennung seiner Arbeit, darunter ein DAAD-Stipendium für das PS1 in New York (1983), der Deutsche Kritikerpreis (1984), ein Stipendium des Nordischen Kunstzentrums Helsinki (1989), der Landeskunstpreis von Schleswig-Holstein und der Ilse-Augustin-Preis (2001).

Raffael Rheinsberg starb 2016 in Forst (Hunsrück)..

Für eine vollständige Biographie sehen Sie bitte die Website des Instituts für Auslandsbeziehungen: ifa.de, kuenstlerdatenbank.

Eine andere Welt - Eine andere Zeit

1991

Computer-Platinen, zu einem Feld von ca. 5 x 6 m arrangiert

Ausstellungen

Berlin Art Scene, Sezon Museum of Modern Art, Tokio, 1992
Kunst im Weltmaßstab, Kunsthalle zu Kiel, 1993
Doppelachse, Galerie Münsterland, Emsdetten, 2002
Tokyo-Berlin/Berlin-Tokyo, Neue Nationalgalerie, Berlin, 2006
Heitodelkibergo, Heidelberger Forum für Kunst, 2014 (zusammen mit Lilli Engel)

Foto: Sabine Behrens, Roman März, Roswitha Josefine Pape, Jens Rönnau und Michael Rosler.

Kaufinteresse