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"Fazit" 2011

Mit den subversiven Performances der Dresdner Gruppe „Autoperforationsartisten“ unterlief Via Lewandowsky einst den offiziellen Kunstbetrieb der DDR. Seither beschäftigt ihn die Frage: Was ist gesellschaftlich opportun? In der DDR war der Slogan „Der Sozialismus siegt“ ein eherner Glaubenssatz, heute wirkt er nur noch lächerlich. Die Frage „darf man das?“ bleibt auf der Tagesordnung. Ein wohlpräparierter Gasherd, zum Suizid bestimmt: darf man so etwas als Kunstwerk präsentieren? Oder einen Vogel mit einem Farbklumpen erschlagen? Tabus brechen, die Stoppschilder des Politisch-Korrekten missachten: Das kann durchaus befreiend sein – und ist grundlegend politisch.

Das Politische verknüpft Lewandowsky mit Humor, Satire, Ironie. Der Humorist weiß um das Tragische des Daseins, um die Vergeblichkeit des Tuns und den Zwang zum Sich-Darein-Fügen. Etwa wenn ein Schrank bei dem Versuch, durch eine Tür zu kommen, sich unlösbar mit Wand und Tür verhakt (wobei nicht die Wand, sondern der Schrank fest auf dem Boden steht). Mit dem englischen Wort deadlock ist diese Situation passend beschrieben: es geht um Leben und Tod, und das Lachen bleibt im Halse stecken.

Die Kuckucksuhr, aus der der Ruf eines Muezzins ertönt, oder die an islamische Zeichen erinnernde Schrift: das sind Kommentare zur Gegenwart. Doch für Lewandowsky gelten überzeitliche Kriterien. Wie alle Satiriker ist er Pessimist, oder wenigstens Skeptiker, und damit ein Philosoph. Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet er (wie der Film „Per Anhalter durch die Galaxis“) mit der Zahl 42. Für den Existenzialisten Albert Camus lebt der Mensch in einer Situation des Absurden, da er gefangen ist in der Spannung zwischen der Sinnwidrigkeit der Welt und der Sehnsucht des Menschen nach sinnvollem Handeln. Deadlock. Das Leben ist ein Labyrinth, in dem man schon mal den Faden verlieren kann, eben so, wie es Vati mit seinen Kupferrohren ergeht. Oder ein fragiles Kartenhaus – zu einem solchen türmt Lewandowsky Ausstellungswände auf. Das Leben ist ein Spiel, und manchmal hat man einfach ein schlechtes Blatt. Pech gehabt.

Via Lewandowskys Kunst lässt sich zurückführen auf Dadaismus und Surrealismus, Happening und Fluxus. Doch ebenso wichtig ist die literarische Tradition, seine Werke erscheinen wie Reflexionen, Essays und Aphorismen. Sie sind illusionslos-brutal wie Machiavelli und welthaltig wie Montaigne, bissig wie Jonathan Swift und elegant wie Oscar Wilde. Auch in der bildenden Kunst stoßen wir bei der Suche nach Vorläufern auf Erzählungen, auf die Modern Moral Subjects von William Hogarth. Wohl nicht von ungefähr ist der Dichter Durs Grünbein seit Jahrzehnten Lewandowskys engster künstlerischer Weggefährte. In den Werken spielen Worte eine herausgehobene Rolle. Lewandowsky bildet neue Begriffe und Schriften und nimmt Sprichwörter wörtlich: er zersägt einen Kanarienvogel mitsamt Käfig in zwei Hälften, denn „Geteilte Freude ist doppelter Spaß“.

Die Attribute Till Eulenspiegels stehen auch für diesen Künstler: die Eule symbolisiert seine Weisheit, im Spiegel erkennen wir uns selbst. Der Narr ist ein Moralist, seine Bösartigkeit erwächst aus der Verzweiflung über den Zustand der Welt. Und die ist und bleibt voller Rätsel – die weder Narr noch Künstler vollends lösen können.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Website des Künstlers.

Biographie

1963 Geboren in Dresden
1982-87 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden
1989 Übersiedlung nach West-Berlin
2008-09 Gastprofessur, Akademie der Künste, München
2013-14 Gastprofessur, Universität der Künste, Berlin
  Lebt in Berlin

stipendien + preise

2011 Villa Massimo, Rom
2009 Villa Aurora, Los Angeles
2005 Bejing Case, Bejing
Deutscher Kritikerpreis
2003 Artspace, Sydney
1998 Botho-Graef-Kunstpreis der Stadt Jena
1997 Stiftung Kunstfonds, Bonn
1995 Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung
1994 Banff Centre for the Arts (Kanada)
1991 Stipendium des Berliner Senats für P.S.1, New York

Ausstellungen

Via Lewandowsky hat eine große Zahl von Ausstellungsbeteiligungen weltweit sowie regelmäßige Einzelpräsentationen in Galerien, u.a.: Karin Sachs München, Martina Detterer Frankfurt am Main, Michael Schultz Berlin und Seoul, Ute Parduhn Düsseldorf, Arndt & Partner Berlin.

Die institutionellen Einzelausstellungen:

2016 Museum der bildenden Künste, Leipzig
2015 Kunsthalle zu Kiel
2014 Momentum, Kunstquartier Bethanien, Berlin
Casa di Goethe, Rom
2009 Dortmunder Kunstverein
2008 Haus am Waldsee, Berlin
2007 Städtische Galerie Wolfsburg
2006 Neuer Berliner Kunstverein, Berlin
Forum für Kunst, Heidelberg
2005 Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig
2002 Goethe Institut Rom
2000 Deutsches Hygiene Museum, Dresden
Kestner-Gesellschaft, Hannover
1999 Kunstverein Lingen, Kunstverein Rosenheim, Albrecht Dürer-Gesellschaft Nürnberg
1998 Deutsches Museum Bonn
1995 Museum der bildenden Künste, Leipzig
1991 Stadtgalerie Saarbrücken
Goethe Institut Toronto
1989 NGBK, Berlin

Für eine vollständige Biographie sehen Sie bitte die Website des Künstlers.

Werke