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In unserer aufgeheizten Flüchtlings-Debatte wird zu leicht übersehen, dass Migration ein uraltes Phänomen ist. Menschen sind schon immer in großen Gruppen und über weite Entfernungen hinweg über die Erde gezogen, in der Hoffnung, am neuen Ort ein besseres Leben zu finden. Dabei war und ist es stets das gleiche: die Ursprungsbevölkerung nimmt die Zuwanderer nicht als Individuen wahr, sondern als Masse, als eine „Flut“, die sie zu verschlingen droht.

Wer könnte diese Vorgänge besser verstehen als Jinny Yu, die in Süd-Korea geboren wurde, sich in Kanada neu einleben musste, in verschiedenen Ländern lebte und dieses Werk an einem Ort – Venedig – schuf, wo sie auch nur zu Gast ist. Für ihr Bild von Migration greift Jinny Yu auf das Motiv des Vogelzugs zurück. Wenn unübersehbare Mengen dieser gefiederten Wesen sich zu einem riesigen Schwarm formieren, der sich beständig verändert, sich zusammenballt und dann wieder auflöst: Das ist ein Bild von großer Faszination. Aber es erzeugt auch Fragen, vielleicht sogar Furcht: Wer steuert diese zahllosen Wesen, die von einem einzigen Willen gelenkt zu sein scheinen, einem Willen, der eine immense Kraft hat, jedoch nicht fassbar ist? Schönheit und Schrecken liegen hier eng beieinander.

Ausgangspunkt von Jinnys Arbeit ist Alfred Hitchcocks Klassiker „The Birds“: Darin greifen aus unerfindlichen Gründen Vögel die Menschen an – erst einzelne, schließlich ganze Kolonien, und sie sind zum Töten entschlossen. Was mit zwei niedlichen, als Geschenk gedachten Papageien, genannt „Liebesvögel“, beginnt, entwickelt sich zu einem Horrorszenarium. Am Anfang, noch bevor der Schrecken sich voll entfaltet, fragt eine der Protagonistinnen mit besorgtem Blick zum Himmel: Hören sie denn niemals auf zu migrieren? „Don’t they ever stop migrating?“ Diese Phrase wählte Jinny als Titel für ihr Werk. Und sie übernimmt verzerrte, verstörende Satzfetzen, die eine Atmosphäre von Angst und Orientierungslosigkeit erzeugen.

Für diese Arbeit hat die Künstlerin die Kapelle des Oratorio di San Ludovico in Venedig in einen einheitlichen, geschlossenen Raum verwandelt; Wände und Decke wurden verhängt mit weißem Stoff, der mit hunderttausenden von Pinselmarkierungen gefüllt ist, die sich verdichten und öffnen und wieder verdichten – eben wie ein Vogelschwarm. Jede Markierung, jeder Vogel ist individuell, und doch ist kaum ein Unterschied auszumachen, allenfalls in der Größe. Dies ist ein wunderbares, poetisches Bild – das durchaus auch bedrohlich wirken kann, werden wir doch von dieser Vogelmasse wie in einen Strudel hineingezogen.

Jinny Yu geht es nicht um ein politisches oder moralisches Urteil zu den Tagesereignissen. Die Arbeit ist vielmehr eine Aufforderung, uns der – archaischen – Gefühle bewusst zu werden, die wir angesichts massenhafter Bewegung von etwas Unbekanntem empfinden, das vielen als eine undefinierbare Bedrohung erscheint. Erst dann, so sagt sie, können wir zu sinnvollen politisch-praktischen Lösungen kommen. In diesem Sinn ist dieses großartige Werk eine Meditation über Fremdheit und Nähe, Ablehnung und Toleranz, Bedrohung und Gelassenheit.


Die Installation, für das Oratorio di San Ludovico in Venedig entwickelt, kann jederzeit ortsunabhängig neu eingerichtet werden. Nötig ist nur ein einfaches, stabiles Holzgerüst, in das die Stoffbahnen einzuhängen sind.

BIOGRAPHIE

1976 geboren in Seoul, Süd-Korea
1998 Bachelor of Fine Arts (Painting and Drawing), Concordia University, Montreal, Kanada
2002 Master of Fine Arts (Visual Arts), York University, Toronto, Kanada Master of Business Administration, Schulich School of Business, Toronto

Jinny Yu lebt in Kanada und Italien, gelegentlich in Berlin. Sie ist Associate Professor of Painting an der University of Ottawa.

AUSSTELLUNGEN, STIPENDIEN, PREISE

Jinny Yus Arbeiten wurden in einer Vielzahl von Ausstellungen präsentiert, darunter: Nuova Icona, Oratorio di San Ludovico, Venedig; ISCP Gallery, Brooklyn; Pulse New York; Scope New York; Bevilacqua La Masa Foundation, Venedig; Kunst Doc Art Gallery, Seoul; Kyoto Municipal Museum of Art, Kyoto; Conduit Street Gallery, Sotheby’s, London; Carleton University Art Gallery, Ottawa; Taehwa Eco Art Festival, Ulsan City, Korea; Confederation Centre Art Gallery, Charlottetown, Kanada; McMaster Museum of Art, Hamilton.
Sie wurde 2012 mit dem Laura Ciruls Painting Award von der Ontario Arts Foundation ausgezeichnet und war 2011 Finalistin für den Pulse Prize New York. Sie erhielt Stipendien vom Canada Council for the Arts, Ontario Arts Council, und dem Conseil des Arts et des Lettres du Québec.

GASTAUFENTHALTE

2012 Seoul Museum of Art Nanji Art Studios, Seoul
2010-11 International Studio & Curatorial Program (ISCP), Brooklyn, New York
2010 Pan! Peinture, Painting symposium, Québec, Kanada Confederation Centre of the Arts Gallery, Charlottetown, Canada
2005 Bei Gao Artist Residency, Red Gate Gallery, Beijing
2004 Kunststiftung Starke, Berlin
1999 Thematic Residency Landscape, Banff Centre for the Arts, Banff, Canada

Für eine vollständige Biographie sehen Sie bitte Jinnys Website.

Zur Präsentation der Arbeit Don’t they ever stop migrating? in Venedig: Nuova Icona.

Don't they ever stop migrating?

2015

Tusche auf Stoff, Sound-System
Grundfäche 540 x 390 cm; Höhe 570 cm

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