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Ein royaler Schnappschuss – mit biblischer Tradition

24. Dezember 2015

Pünktlich zum Weihnachtsfest beschert das britische Königshaus der Welt eine kleine Aufmerksamkeit, es ist das jüngste Bild der übernächsten Königsfamilie: der Herzog und die Herzogin von Cambridge, Prinz William und Catherine, zusammen mit ihren Kindern George und Baby Charlotte. Die dankbaren Medien haben dieses Foto weltweit reproduziert. Es zeigt eine kleine Idylle: Die Erwachsenen haben sich in Freizeitkleidung ganz locker auf dem Rasen drapiert, William ist in die Hocke gegangen, Kate kniet mit dem linken Bein auf dem Gras. Das Bild scheint nur ein Schnappschuss zu sein, nichts Besonderes, wie nebenbei im Vorübergehen erledigt. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich jedoch eine höchst raffinierte, perfekte Inszenierung.
Bemerkenswert ist die Zweiteilung. Auf der linken Seite dominiert mit Mutter und Kindern das Weibliche, Familiäre. Catherines rechtes Bein ist abgeknickt, so dass Charlotte auf dem Oberschenkel sicher ruhen kann; das Baby ist ganz Passivität und Zufriedenheit. George hingegen ist bereits der Wache, Aktive, der er als König später sein muss, er steht und schreitet schon voran.
Der zugehörige Mann, Prinz William, ist auffallend von dieser geschlossenen Gruppe getrennt. Während Kate mit ihren Kindern das Statische, Häusliche symbolisiert, steht William für das Tätige, Weltliche. Er ist in die Hocke gegangen, könnte sich also jederzeit erheben und aktiv werden. Seine Beine sind gespreizt, was wiederum das Aktive seiner Person unterstreicht und zugleich nicht ohne sexuelle Konnotation ist: In seinem geöffneten Schoß ist der Same angesiedelt, der die Kinder gezeugt und damit für die Fortdauer der Windsor-Dynastie gesorgt hat – und womöglich weiterhin sorgen wird.
Williams Blick ist mit ebensoviel Zuneigung wie Stolz auf Frau und Kinder gerichtet, zugleich nicht ohne eine gewisse Distanz: Sehr her, scheint er uns zu sagen, das habe ich gemacht! Die wichtigste Aufgabe eines Thronfolgers, die Dynastie zu sichern, habe ich damit glänzend erfüllt – und noch dazu in der richtigen Reihenfolge: erst der Sohn, dann die Tochter. Und den Seinen sagt er: Ihr seid meine Liebsten – aber ihr müsst verstehen, dass ich noch eine andere, größere Aufgabe habe, ich bin der Repräsentant dieses Volkes, nein: ich BIN diese Nation.
Dieses Bild hat eine doppelte Botschaft. Zum einen sagt es: Wir, die Royals, sind wie ihr, nichts unterscheidet uns als Familie, als Vater, Mutter und Kinder von euch, die ihr in der gleichen Situation sein. Wir sind eure nächsten Nachbarn! Kate und Kids schauen direkt auf den Betrachter, als wollten sie ihn einladen: Komm doch her! Mach mit! Die zweite Botschaft wird vor allem durch die liebevoll-distanzierte Haltung Williams signalisiert: Wir sind nun mal eure royale Familie, ich bin der übernächste, mein Sohn ist der über-übernächste König. Und William scheint bereits in die distanziert-zugewandte Rolle hineinzuwachsen, die seine Großmutter so perfekt ausfüllt und die den Windsors auch in schweren Turbulenzen das Überleben sicherte. Dass George seiner Ur-Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten scheint, bekräftigt nur diese schönen Zusammenhänge. Und die kleine rote Spielzeug-Lokomotive zu ihren Füßen, die so effektvoll mit dem grünen Rasen kontrastiert und damit für den farblichen I-Punkt sorgt, unterstreicht, dass in diesem Arrangement nichts dem Zufall überlassen wurde.
Bemerkenswert ist nun die Tradition dieses „Schnappschuss“-Fotos: Es ist
mehrfach in die christliche Ikonographie eingebunden. Da ist zunächst die geschlossene, ovale Form von Kate und Kindern, die ganz dem Typus der Schutzmantel-Madonna folgt, bekräftigt durch Kates locker wallendes Haar, das den Mantel andeutet. Außerdem ist diese royale zugleich die biblische „Heilige Familie“, ergänzt durch Johannes den Täufer, der als der etwas Ältere auf den künftigen Erlöser hinweist. Hier endet natürlich die Übereinstimmung, denn der Ältere, George, ist in diesem Fall zugleich der Auserwählte.
Ähnlich ambivalent ist die Stellung Williams. Einerseits folgt er mit seiner Abgrenzung von Frau und Kind(ern) der Tradition, denn Josef hat in der Heilsgeschichte wenig zu tun, er steht zumeist etwas hilflos neben Frau und Kind; da Jesus vom Heiligen Geist – von Gott selbst – gezeugt wurde, ist Josef gewissermaßen nur dessen Stiefvater. Das ist im Fall von William natürlich anders, hier ist er die zentrale Figur. Wer gedanklichen und assoziativen Salto mortale vollziehen will, der könnte Analogie und Widerspruch so auflösen, dass William am Ende der Hl. Geist, also Gott selbst ist. Als zukünftiges Oberhaupt der Church of England steht er dem Höchsten jedenfalls näher als irgendeiner seiner Untertanen.
So ist die Botschaft dieses Bildes mehrdeutig. Auf der einen Seite ruft es den Untertanen im Vereinigten Königreich und den Menschen in aller Welt nahezu flehend zu: Wir sind wir ihr, wir sind sympathisch, liebenswürdig – liebt uns! Doch auf der anderen Seite fügt die sakrale Bildtradition flüsternd hinzu: Aber wir sind auch etwas ganz anderes als ihr und gedenken es auch zu bleiben. Wir sind etwas, das ihr nie erreichen könnt, etwas Erhabenes, Über-Irdisches. Bedenkt: Unsere Großmutter wurde in der Kathedrale vor Gottes Angesicht gesalbt. Dies ist die raison d’être useres Daseins, darum ist es nur natürlich, dass wir demnächst auf dem Thron sitzen – und ihr nicht.

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