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Eine Lektion für ambitionierte Sammler

4. Dezember 2015

Die Kunst-Kollektion des Schraubenmilliardärs Reinhold Würth ist mit 17.000 Werken eine der größten Privatsammlungen der Welt; im Berliner Martin-Gropius-Bau sind (bis 10. Januar) 400 zentrale Werke verschwenderisch ausgebreitet. Wir wollen gar nicht erst anfangen, über Sinn und Zweck dieser außerordentlichen Kompilation von Kunstwerken vom Mittelalter bis heute zu räsonnieren, doch zwei Gedanken setzen sich beim Flanieren fest.
Der eine: Dieser Traum jedes Sammlers, über ein quasi unbegrenztes Budget zu verfügen und einen hochkarätig besetzten Berater-Kreis konsultieren zu können – dieser Traum kann zum Albtraum werden, wenn der Sammler ständig die Frage beantworten muss: Was um Himmels Willen soll ich mit diesen unbegrenzten Mitteln nur kaufen?
Hier setzt der zweite Gedanke an, er betrifft die Struktur der Sammlung. Eine Möglichkeit für den superreichen Kunstfreund ist die Tour d’Horizon durch die Kunstgeschichte, mit Hauptwerken aus jeder Epoche. Dieser Weg ist versperrt, weil der Beginn der Sammlung zu klein gedacht war: Würth bevorzugte Künstler seiner Umgebung, und das Panorama erweitert sich in Laufe der Jahre eher zögerlich, so dass die Sammlung schließlich über weite Strecken den Charakter eines bunten Pasticcios hat.
Die andere Möglichkeit ist die Konzentration auf einzelne Künstler, Kunstrichtungen und überragende Werke, und hier spielt die Sammlung tatsächlich ihre Trümpfe aus. Da ist, gleich zu Beginn, der Donnerschlag eines fantastischen Skulpturen-Ensembles von Anthony Caro, The Last Judgement Sculpture (1995-1999), ein wahrer Himmel-und-Hölle-Ritt. Dann, an dem einen Ende der Schau, das Jahrhundertwerk der Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen vom jüngeren Hans Holbein, die Würth dem Frankfurter Städel für geschätzte 60 Millionen Euro vor der Nase weg schnappte, und, am anderen Ende, ein zauberhafter Raum mit späten Landschaftsbildern von David Hockney. Dazwischen glänzen Werkgruppen wie die mit Preziosen bestückte „Kunst- und Wunderkammer“ und die von Werner Spies einst für die Lufthansa zusammengetragenen Gemälde von Max Ernst.
Kurz und gut – das Zauberwort und Fazit des Flaneurs lautet: Konzentration! Der ambitionierte Sammler, vor allem der jüngere, sollte sich beschränken, auf wenige Künstler, einzelne Werkkategorien, auf eine Region oder Epoche – was auch immer, das Entscheidende ist die Geschlossenheit. Dann hat die Sammlung jenseits der Tagesaktualität Bestand, sie bleibt. Alle großen Sammler folgen dieser Maxime, sei es bewusst oder intuitiv.

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