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Michael Jastrams Werk lebt aus dem Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Gegenwart. Er steht in der Tradition klassischer Berliner Bildhauer, wie Rauch und Schadow, in dessen Atelierhaus er im vergangenen Sommer vier Monate lang öffentlich arbeitete, er schaut aber auch viel weiter zurück. Seine Motive spiegeln den Ur-Fundus der Kunst: Wagen und Reiter, stilisierte Häuser, Türme und Tore, Symbole für Himmel, Sonne und Mond – es sind Motive, die zu den ältesten Artefakten menschlicher Gestaltung führen. Die Gegenwart ist dabei stets präsent durch die Spuren, die der Künstler bei der Entstehung der Skulpturen hinterlässt. Alle Bronzen werden anfangs im zunächst weichen, dann harten Gips modelliert, so dass die Fingerabdrücke des Künstlers ebenso zu erkennen sind, wie die kräftigen Hiebe von Hammer und Meißel.

Das Thema der hier vorgestellten Arbeit nun bezieht sich auf eine konkrete Situation: die Berliner Torstraße, die das Zentrum des „neuen“ Berlin durchläuft, ein durch Künstler, Galerien und Kreativ-Unternehmen geprägtes Viertel. In den 1730er Jahren parallel zur damals neuen Zollmauer angelegt, verband die Straße als Communication mehrere Stadttore miteinander, vom Neuen Tor im Westen bis zum Prenzlauer Tor im Osten. Und in der Tat waren die Tore, die der Straße ihren Namen gaben, Jastrams Ausgangspunkt. Unnötig zu sagen, dass das (Brandenburger) Tor auch in der jüngsten Berliner Historie eine zentrale Rolle spielt.

Ein hohes, schmales Tor bildet den Mittelpunkt dieser Skulptur. Die Straße ist durch einen kräftigen, leicht geschwungenen Balken wiedergegeben; am einen Ende stehen zwei stilisierte Häuser, am anderen der Reiter, der die Stadt gerade verlassen hat. Der vierrädrige Wagen, der die Szene trägt, symbolisiert die Bewegung der Erde, die Ebene darüber das Leben und Handeln der Menschen. Ein zweiter, horizontaler Balken sorgt für das nötige Gleichgewicht.

Selbstverständlich greift Jastram mit dieser Skulptur weit über das aktuelle Berlin hinaus, und das nicht nur, weil er auch das babylonische Ischtar-Tor mit seiner Prozessionsstraße zitiert, ein Glanzstück des Pergamonmuseums auf der Museumsinsel. Es geht um zeitlose Fragen. Das Tor steht für die Spannung zwischen Geborgenheit und Freiheit. Es ist ein Wagnis: Was passiert, fragt Jastram, wenn wir die vertraute Behausung verlassen, das Tor durchschreiten und ins Freie gehen, ins Abenteuer? Diese Schlüsselfrage begleitet alle Helden-Erzählungen, und jeder von uns ist mit ihr konfrontiert im oft schmerzlichen Prozess des Erwachsenwerdens.

Michael Jastram thematisiert mit dieser Arbeit grundlegende Aspekte menschlichen Daseins. Steht der Balken für den Lauf des Lebens an sich, so sein Schwung für das stets vorhandene, kreative Potenzial an Möglichkeiten. Unterwegssein, Lebendigsein, Wandel und Wachsen als existenzielle Erfahrung. Gleichzeitig, um zur Gegenwart zurückzukehren, versinnbildlicht dieses Werk – so erläutert der Künstler – den Sieg der Leichtigkeit und Beweglichkeit des von der Mauer befreiten Berlin über die lange Zeit vorherrschende Schwere der Stadt.

Torstraße

2012

Bronze, 41 x 85 x 19 cm
Auflage: 6 Exemplare

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Biographie

1953 geboren in Berlin (Ost)
1976-78 Abendstudium an der Kunsthochschule Berlin, Bereich Bildhauerei
1979-84 Studium an der Kunsthochschule Berlin, Sektion Bildhauerei/Plastik, Abschluss mit dem Diplom
seit 1984 Freischaffender Bildhauer in Berlin
1984 Antrag auf Ausbürgerung nach Berlin-West
1989 Ausbürgerung
Honorartätigkeit als Bildhauer an der Deutschen Oper Berlin
1992 Künstlerischer Ausbilder von Theaterplastikern an der Deutschen Oper Berlin
Stipendium der “Maison des Cultures Frontiers“, Frankreich
2003 Dozent für Plastik an der Artschool-International, Berlin
2004 VISTA-Kunstpreis

ausstellungen

Michael Jastram hatte eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen, seit 2006 regelmäßig in der Berliner Galerie Leo Coppi, darüber hinaus in renommierten Galerien und Institutionen in Deutschland, Frankreich, Belgien, Dänemark, den Niederlanden, den USA und in der Schweiz.

Für eine vollständige Biographie sehen Sie bitte die Website des Künstlers: Michael Jastram.