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Es war ein spektakulärer Anblick: auf noch wüstem Baugrund, vor der Kulisse der glänzenden Hochhäuser am Potsdamer Platz, stand im Sommer 2002 in der Mitte Berlins unvermutet eine schlichte Hütte aus Kiefernholz und Lärchenschindeln. Die Konfrontation konnte größer kaum sein: Dort ein stadteilgroßes Architektur-Ungetüm, Symbol für globalen Kapitalismus und ungebremsten Konsum, mit Weltkonzernen wie Daimler-Chrysler und Sony als gesichtslosen Bauherrn; hier die – in ihrer originalen Form – von einem einzelnen Mann aus vorgefundenem, gebrauchtem Material zusammengezimmerte Kate.

Tobias Hauser entwickelte das Objekt als Nachbildung der Hütte, die der Philosoph und Schriftsteller Henry David Thoreau 1845 im Wald außerhalb des Städtchens Concord in Massachusetts für sich selbst errichtet hatte – und zwar für nur 28 Dollar. Seither ist die Hütte am Walden Pond das romantische Sinnbild für ein naturverbundenes, zivilisationsfernes Leben und Thoreaus Buch „Walden; or, Life in the Woods“ die Bibel aller Aussteiger. Gleichzeitig war Thoreau, einer der „Transzendentalisten“ um Ralph Waldo Emerson, auch Verfechter des „zivilen Ungehorsams“, der sich weigerte, einem Staat, der die Sklavenhaltung duldete, Steuern zu zahlen und dafür eine Gefängnisstrafe auf sich nahm; mit dieser Haltung ist er einer der Väter aller Protestbewegungen.

Auch Tobias Hauser ist ein höchst politischer Mensch. Die Idee zu „Walden“ entstand nach dem terroristischen Angriff auf das New Yorker World Trade Center und dem anschließenden Krieg in Afghanistan; Hauser wollte, wie er sagt, die „Urdemokratie der amerikanischen Gründerväter“ in Erinnerung rufen, die sich gegen jede Form des Fundamentalismus richtete. Dass er dafür Thoreaus Hütte wählte, ist kein Zufall, ist die Idee des Hauses doch zentral für sein Werk: das Haus als Zeichen für das ur-menschliche Verlangen nach Schutz. Auch die Natur ist ein beständiges Thema in Hausers Werk, allerdings stets in stilisiert-abstrahierter Form; jüngstes Beispiel ist ein fünf Meter hoher Freiheitsbaum aus Aluminiumrohr nach einer Skizze Goethes. Ein Symbol der französischen Revolution, geht der „Tree of Liberty“ zurück auf den Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien.

Die Hütte am See war für Thoreau kein Lebensziel, sondern ein Experiment; er gab sie nach zwei Jahren ohne Bedauern auf und überließ sie anderen Nutzern, die sie schließlich demontierten. Heute gibt es am Walden Pond einen Nachbau. Tobias Hauser ging es nicht um eine weitere originalgetreue Rekonstruktion, darum ist sein Häuschen leer und nicht zu betreten. Vielmehr ist es die Illustration einer Idee: jener Idee, die Thoreau zum Bau der Hütte veranlasst hatte – seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Thoreau: „If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer.“

Wenn wir die Perspektive wechseln und die Hütte nicht als Kommentar zu den Neubauten am Potsdamer Platz verstehen, sondern die Hochhäuser als eine Kulisse, die den ärmlichen Charakter der Hütte unterstreicht, dann kann die Kate auch an anderen Orten ihre Wirkung entfalten, etwa im Münchener Oympia-Park, wo Hauser sie 2003 ausstellte. Heute ist sie in einem süddeutschen Privat-Garten platziert. Doch wo immer auch die Hütte steht, sie ist die gebaute Version des so populären Spruches „Don’t dream your life, live your dreams!“. „The mass of men“, war Thoreau überzeugt, „lead lives of quiet desperation“ – weil sie eben nicht ihrem eigenen Trommelschlag folgten. Die Hütte sagt uns, dass das sehr wohl möglich ist, dass es zu den dominierenden Entwürfen von Gesellschaft, Politik und Kultur immer auch Alternativen gibt.

Für weitere Informationen über den Künstler besuchen Sie bitte seine Website: Hauser-Werke

Walden

2002

Material: Kiefern- und Lächenholz, Eisen (Schrauben)

Maße: ca. 3 x 4,6 x 2,45 Meter

Preis: ca. 35.000 Euro, abhängig von den Erstellungskosten

Kaufinteresse

Biographie

1959 geb. in München
1979-83 Studium an der Kunstakademie Stuttgart bei K.R.H. Sonderborg und Alfred Hrdlicka
1983-84 Aufenthalt in Wien, dann Umzug nach Berlin
2007-11 Lehrauftrag an der Hochschule Burg Giebichenstein, Halle an der Saale

lebt und arbeit in Berlin

Einzelausstellungen

2016 Cette terre est libre, Künstlerhaus Bethanien, Berlin
2015 Stars, Galerie Artlantis/Müller, Stuttgart
Punishment of luxury, Fiebach & Minninger Galerie, Köln
2012 Flecken/Stains, Lage, Berlin
2010 Songs in Wood, Fiebach & Minninger Galerie, Köln
Rivers, Galerie Kvant, Berlin
2008 Ein deutsches Haus, Zwinger Galerie, Berlin
2006 Bricks in my Wall, Zwinger Galerie, Berlin
2005 Tagesmutter, Forum Kunst, Rottweil
2004 31.8.1939, Zwinger Galerie, Berlin
einsbisneunplusnull, Fiebach, & Minninger Galerie, Köln
2002 Walden, Leipziger Platz, Berlin, mit den Galerien Zwinger und Wewerka, Berlin
2001 Natürliche Todesursachen und andere Gründe, Zwinger Galerie, Berlin
2000 Bois d’œuvre, Kunstverein Ludwigsburg
Hotel Charon, Fiebach & Minninger Galerie, Köln
1999 Land in Sonne, Zwinger Galerie, Berlin
1997 Hauserwerke, Zwinger Galerie, Berlin
1996 Christian Gögger Galerie, München
Bones, Galerie Fiebach, Minninger, Köln
1995 Das Versteck, Zwinger Galerie, Berlin; Galerie Christian Gögger, München 
1994 Geneigtheit zur Naturphilosophie, Zwinger Galerie, Berlin
1993 White Headquarter, Pariser Platz, Berlin, mit den Galerien Zwinger und Wewerke, Berlin
Steierischer Herbst, Graz, mit Daniel Richter, Juli Susin und Gunter Reski
1992 Die Klasse, Galerie H.J. Müller (Artlantis), Stuttgart
Institut für Heuristik, Berlin
1991 Galerie Zwinger, Berlin
Galerie Tanja Grunert, Köln
1990 Kunsthalle St. Gallen, Schweiz
1989 Galerie Tanja Grunert, Köln

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2016 Biennale Halberstadt
2015 Skulpturenpark St. Martin, Österreich
Galerie Artlantis, Stuttgart
Galerie Fiebach & Minninger, Köln
2013 sitzen, gehen, stehen, (f)liegen, Kunstverein K.I.S.S., Schloss Untergröningen
2012 Wunderkammer, Polmozbyt, Stettin
2011 Gute Nachbarschaft, Studio I, Kunstquartier Bethanien, Berlin
2009 Berlin 89/09 – Kunst zwischen Spurensuche und Utopie, Berlinische Galerie
Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin von Karin Sander, Temporäre Kunsthalle, Berlin
2008 Country & Western, Schloss Plüschow
Bridge, Fiebach & Minninger Galerie, Köln
2007 Private/Corporate IV, DaimlerChrysler Contemporary, Berlin
2006 HannahArendtDenkraum, Ehemalige Jüdische Mädchenschule, Berlin
Architektur wie sie im Buche steht, Architekturmuseum-Pinakothek der Moderne, München
2005 Mäzene der Kunst auf Papier, Staatsgalerie Stuttgart
2003 impark, Aktuelle Kunst im Olympiapark München
2002 a country lane, Galerie Kerstin Engholm, Wien
1999 The space here is everywhere, Villa Merkel, Esslingen
1998 U-Neues Deutschland – Fin de Siècle, F.M. Schwarz Galerie, Köln
1997 Schöner Wohnen, Galerie Christian Gögger, München
Faktor Arbeit, NGBK Berlin
1994 Collection Ohrt, Forum Stadtpark Graz
Europa ‘94 – Junge Europäische Kunst in München
1992 Galerie Grunert & Janssen, Köln
1991 Gullivers Reisen, Galerie Sophia Ungers, Köln
1990 Zeichnungen, Galerie Tanja Grunert, Köln
1988 Galerie Tanja Grunert, Köln