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Alexandra Baumgartner lehrt uns, dass nichts so ist, wie es zunächst scheint: Hinter (klein-)bürgerlichen Fassaden brodeln Vulkane. Da stehen – in Evidence – hölzerne Pfosten aufgereiht wie die Gewehre eines Erschießungskommandos, da erinnert das leere Gestell eines Vogelkäfigs – Intervall – an das Gefängnis, als das die Welt sich entpuppt. Der Tänzer Rudolf Nurejew, Sinnbild für die freie Beweglichkeit des Menschen, ist – Hypnose – durch das Testbild, auf das er starrt, gebannt, gefesselt. Sehen, schauen, Blicke: das spielt bei Alexandra eine wichtige Rolle.
In anderen Collagen erscheinen hinter Brandlöchern zweite und dritte Realitäten, oder es zeigt sich – das Nichts.

Die Künstlerin legt eine Realität frei, die sich hinter schönem Schein verbirgt. Da wird der hübsche Garten-Fountain zum Albtraum, die Gesichter niedlicher Putten sind zu Fratzen verzerrt, das heitere Spiel gerät zum Kampf auf Leben und Tod. Das harmlose Bild eines Ameisenhaufens verwandelt sich in die apokalyptische Szenerie einer von Insekten beherrschten Welt, Sinnbild einer Gesellschaft, in der eine gesichtslose Masse die Regeln bestimmt.

Viele ebenso zarte wie unbarmherzige Fäden durchziehen die Arbeiten. Die Köpfe und Gesichter der Collagen werden damit vermessen, verspannt, vernäht – Frankensteinsche Monster scheinen auf. Wie kunstvoll Alexandra ihre Fäden spinnt, zeigt sich an Intervall. Eine leere Käfighalterung ist durch Bänder fest mit der Wand verbunden, das dazugehörige Foto eines Kindes spinnt den Faden weiter: sein Köpfchen ist in ein Protokollpapier eingefügt – das Kind als Versuchsanordnung. Tatsächlich ist das Blatt ein Hilfsmittel für die Schneiderei, eine im Privaten typisch weibliche Tätigkeit. In der Tat sind es vor allem Frauen, die in Baumgartners Kosmos agieren.

Am deutlichsten wird die Kraft des Weiblichen in Entreakt. Eine Hysterikerin, Patientin des Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot im späten 19. Jahrhundert, bringt Stühle zum Tanzen. Ihre magische Geste der Beschwörung ist Ausdruck ihrer psychopathischen Energie. Das Krankheitsbild der Hysterie wurde fast ausschließlich bei Frauen diagnostiziert, und Charcot ließ es sich nicht nehmen, seine Patientinnen öffentlich vorzuführen. Diese Frau ist sowohl Opfer männlicher Phantasien als auch Trägerin einer übersinnlichen Kraft. Wie fragil das alles ist, zeigen die Stühle, die nur gegenaneinander gekippt sind und beim leisesten Stoß umfallen können.

Es fällt nicht schwer, in den Arbeiten der in Salzburg geborenen und – neben Berlin – in Wien lebenden Künstlerin Anklänge an die Psychoanalyse zu sehen: Es ist das Sigmund Freud-Gen, das in der Österreicherin wirkt. Und wie die in der Psyche arretierten Ereignisse oft weit zurück liegen, so schaut sie mit ihren Materialien in die Vergangenheit: ihre gefundenen Bilder und Objekte stammen aus fernen Zeiten.

Vorläufer hat dieses Werk im Surrealismus (man denke an die Szene aus Un Chien Andalou, wo ein Messer in Männerhand einer Frau das Auge durchschneidet) und, mit seinen psycho-sexuellen Konnotationen, im skandalösen Werk des Marquis de Sade. Es ist keine schöne Welt, die Alexandra Baumgartner uns vor Augen führt; wie real sie ist, muss der Betrachter für sich entscheiden.

Ein Statement der Künstlerin:
„Thema meiner Arbeiten sind psychische und moralische Abgründe, der physische Verfall des Menschen, Vergänglichkeit, Beziehungsgeflechte, Grenzzustände, Kontrollverlust und Ängste. Es ist ein Analysieren der zerbrechlichen Beziehungen zwischen den zutiefst persönlichen Empfindungen und den äußeren gesellschaftlichen Zwängen. Die Natur, die uns bestimmt, und der Mensch, der versucht, sie zu kontrollieren, aber im Grunde dennoch unterlegen bleibt. Diesen Kampf führt ja jeder mit sich. Das Tier in uns, das Animalische, das man zu kontrollieren versucht und das doch immer wieder durchkommt, ob wir wollen oder nicht.“

Biographie

1973 geboren in Salzburg
1994-1998 Universität Mozarteum Salzburg
1998-2000 Fotografie Kolleg, Höhere Grafische Lehranstalt Wien
2000-2004 Universität für Angewandte Kunst Wien
  Lebt und arbeitet in Berlin und Wien

Ausstellungen (S=Solo)

2015 Arcadia Unbound, Funkaus Nalepastraße, Berlin
Das Prinzip Collage, Forum Frohner, Krems
Queertopia: It Takes a Village, 68projects, Berlin
Audience, Corner Window Gallery, Auckland, New Zealand (S)
Saloon, Sexauer Gallery, Berlin
Gegen den Tag, Haus am Lützowplatz, Berlin
Instant Edition, Museum Leopold, Wien
Intervall, Städtisches Museum Engen + Galerie, Engen (S)
2014 f/12.2, Stipendiatenausstellung, DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt am Main
Viel Arbeit, wenig Rot, Salon Hansa, Berlin
Samples (überstürztes Hängen), Kreuzberg Pavillon, Berlin
Painting Was a Lady Goes America, Wonderloch Kellerland, New York
Money Works 2, Haus am Lützowplatz, Berlin
Sessel, Stuhl, Hocker in der Kunst, Galerie im Traklhaus, Salzburg
Der schwarze Hund, Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Baden-Baden
Talent, Galerie 401contemporary, Berlin
Psycho Killer, Galerie Börgmann, Mönchengladbach
The Hot 100 Auction, Paddle8, New York
2013 Let us snow, Kreuzberg Pavillon, Berlin
Hypermart, Galerie Trapp, Salzburg
Pop Hits & Alptraum, Artspace Rhein Main, Offenbach
Verliebte Künstler, Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin
Entreakt, Berlin-Weekly, Berlin (S)
Open Art/Summerstage, Wien
2012 Death Can Dance (Kurator: Lori Hersberger), Townhouse, Zürich
Alptraum, Metro Manila, Green Papaya Art Projects, Quezon City, Philippinen
Auction for Adisco, Sotheby´s Mailand
Alptraum, Goethe Institute Johannesburg, South Africa
2011 Le choix de Paris, Cité internationale des arts, Paris
I am a work in progress, Periscope, Salzburg
Alptraum, Blank Projects, Cape town; The Company Gallery, Los Angeles;
 Deutscher Künstlerbund, Berlin; Cell Project Space, London
Tape Modern No.19, Tape Club, Berlin


STIPENDIEN, PREISE

2014 Top 5 Shortlisted Artist, DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt am Main
2008-09 Cité internationale des arts Paris, Jahresatelier
2004 Emanuel und Sophie Fohn Foundation, München
2003 Anni und Heinrich Sussmann Foundation, Wien
1998 Internationale Sommerakademie Salzburg, Leon Golub/Nancy Spero

Werke