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immer im September, Istanbul

In den Fotos Gilles Roudières prallt gleißendes Sonnenlicht gegen tiefes Schwarz, Tag gegen Nacht, man ist versucht zu sagen: Leben gegen Tod. Der Hell-Dunkel-Kontrast geht über einen künstlerischen Effekt hinaus, er bekommt eine inhaltliche Bedeutung. Das Tageslicht kann so sehr blenden, dass uns das Sehen vergeht und Weiß unversehens zu undurchdringlicher Finsternis wird – während das Dunkel voller Leben steckt. Zwar erklärt der Fotograf, dass der pointierte Schwarz-Weiß-Kontrast ihm nur dazu diene, seine Bilder zu vereinfachen und Details – vor allem solche anekdotischer, erzählerischer Natur – zu vermeiden. Doch der Betrachter kann nicht anders, er sieht in diesen Fotos viele Geschichten – auch wenn es allein seine eigenen sind. Die Klarheit und Eindeutigkeit des Schwarz-Weiß löst sich auf in der Vieldeutigkeit dieser Bilder.

Da gehen seltsame Geister, Menschen wanken wie Zombies und werden zur bedrohlichen Masse, Hochhäuser verwandeln sich in taumelnde Riesen. So können Nachtmahre aussehen. Anderes erscheint wie Szenen aus Science-Fiction-Filmen, etwa wenn ein Junge die Hand schützend vor seine Augen hält, als wolle er das brennende Licht eines E. T. abwehren. Ein Gefühl der Unsicherheit, gar der Bedrohung dominiert, hier können selbst Katzen zur mörderischen Meute werden. Vieles ist in dieser Welt bereits geschehen, und es bleibt offen, ob das guter oder böser Natur war. Und es wird weiteres geschehen, die Szenerien sind erfüllt von einer Atmosphäre des Wartens – warten worauf?

Nach einer vielgelobten Serie über Albanien schuf Gilles Roudière in den drei Jahren 2013 bis 2015, jeweils im September, eine Serie über Istanbul, aus der wir hier einige der prägnantesten Aufnahmen vorstellen. Der jeweilige Ort ist Roudière wichtig, und wer die Stadt am Bosporus gut kennt, wird den einen oder anderen Ort vielleicht identifizieren  können. Doch es geht Roudière nicht um eine dokumentarische Wiedergabe, er will vielmehr verdeutlichen, wie er Geist und Seele der Stadt empfindet: Es geht ihm um das gefühlte Istanbul. „Ich habe kein Interesse an Objektivität,“ sagt er, „ich will so subjektiv sein wie nur möglich. Ich glaube, ich wurde zum Fotografen, als ich aufhörte, Bilder verstehen zu wollen und anfing, sie zu fühlen.“

Zu den drei bereits genannten Realitätsebenen – der vorgefundenen Szenerie, ihrer Verwandlung in schwarz-weiße Bilder und der Deutungsphantasie des Betrachters – kommt eine vierte Realität hinzu: die des Fotos selbst. Roudière, der als Autodidakt zur Fotografie kam, verweigert sich dem Digitalen; er arbeitetet nicht nur mit dem veralteten Rollfilm, er weist auch explizit darauf hin: mit sichtbaren Perforationen, die die Filmrolle führen, mit seitlichem Lichteinfall und Kratzspuren auf dem Film. Diese nostalgisch anmutenden Details, die an den Hobbyfotografen erinnern, der mit diesen Problemen oft genug zu kämpfen hatte, weisen zurück in eine vergangene Zeit – und öffnen damit ein weiteres Deutungsfenster.

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Alle Fotos: Abzüge auf Barytpapier, 30 x 40 cm. Auflage: 12 Ex.

Werke

Biographie

Geboren 1976 in Tours, lebt und arbeitet in Berlin. Autodidakt. Er bereist seit mehreren Jahren die Länder Mittel- und Osteuropas. Zuletzt führten ihn seine subjektiven fotografischen Erkundungen nach Israel, Palästina und Istanbul. Das British Journal of Photography nahm ihn 2014 in die Liste „Ones to Watch“ auf.

Ausstellungen

2016 Projektion Temps Zero, Thessaloniki, Griechenland
2015 Unsung Song of a City, Galerie In)(between, Paris
Projektion Temps Zero, Fotofestival Encontros da Imagem, Braga, Portugal
Photolucida, Fotofestival, Lishui, China
Sacré, Galerie Artyfact, Paris
2014 Contrasted Places, Galerie In)(between, Paris
À quoi rêvent ces montagnes, Espace St-Cyprien, Toulouse
OFF the wall, Bon Marché, Paris
Projektion Festival Voies Off, Arles
Projektion Festival «Boutographies», Montpellier
Projektionen Fotofabrik Bln-Bxl, Brüssel und Berlin
2013 À quoi rêvent ces montagnes, Galerie l’Imagerie, Lannion
Miraprospekt, Galerie Tête, Berlin
Projektion Temps Zero (kuratiert von S. Charpentier), Berlin, Paris, Toulouse
Projektion Belfast Photo Festival
2012 Circulation(s), Paris
Promenades Photographiques de Vendôme, Frankreich
post SCRIPT (kuratiert von P. S. Amison), Cork, Irland
2011 Projektion Fotofestival Photo Phnom Penh, Kambodscha
2010 Galerie Le Magasin de Jouet, Arles, Frankreich
Fotofestival von Pingyao, China

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Website des Künstlers.

Porträt-Foto: Tilby Vattard