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In Moskau in eine jüdische Familie hineingeboren, wusste Yury Kharchenko lange Zeit nicht viel vom Judentum. Die Familie war nicht religiös, das sozialistische Gleichheitspostulat mit ihrem latenten Antisemitismus tat ein übriges. Als Jugendlicher emigrierte Yury mit seinen Eltern nach Deutschland. Dort traf es ihn dann eines Tages, im doppelten Sinn, wie ein Blitz: Er hatte in Düsseldorf gerade sein Studium beendet, als er von Neonazis zusammengeschlagen wurde: „Jude, hast du Geld, gib uns Geld“, riefen sie. „Ich rannte weg“, erinnert Yury sich. „Danach fing ich zum ersten Mal an, mich mit meinem kulturellen Hintergrund zu beschäftigen.“

Nach und nach drang er ein in den Kosmos von drei Jahrtausenden jüdischer Geschichte, Kultur und Religiosität, lebte eine Zeitlang in einer Jeschiwa, einer jüdische Hochschule, in der Berliner Brunnenstraße, und studierte intensiv Tora und Talmud, seine „Quellen der Wahrheit“. Drei Fragen lassen ihn seither nicht los: „Woher komme ich? Wer bin ich? Und: Wohin gehe ich?“ In diesem Punkt, sagt er, treffen sich Religion und Kunst: „Es geht darum, die Welt und sich selbst zu verstehen.“ Er will bewusst die jüdischen, russischen und deutschen Einflüsse in seiner Kunst miteinander verbinden und strebt eine Kunst an, die weniger im herkömmlichen Sinne religiös, als vielmehr mystisch-spirituell ist, so wie bei Mark Rothko und Barnett Newman, den Malern des Sublimen.

Unsere Werkauswahl umfasst acht Jahre seines Schaffens. Lassen die ersten Bilder noch an unbestimmte Szenerien denken, in denen schattenhafte Figuren aus dem Dunkel und Chaos einer Welt im Werden auftauchen, so bilden sich bald präzisere Themen heraus, wie „Fenster“, „Vorhang“ und, das vor allem, „Haus“. Das Haus als Heimat, ein Ort des Schutzes, der Geborgenheit, der Identität, ist gerade für Juden von besonderer Bedeutung, sind sie doch seit jeher auf der Wanderung, auf der Flucht. „ Die Form ist immer gleich – Dach, Wände – aber die verschiedenen Farben zeigen das, was innen drin passiert: Mal ist es brennend, mal still, mal unsicher, wie das Leben so ist.“ Schließlich kommen, ein wenig überraschend, katholische Würdenträger hinzu, allerdings – im Sinn Francis Bacons – in surrealer Verfremdung, oder als Engel; Yury sieht Päpste und Kardinäle als Protektor der Künste, doch dahinter steht gewiss der Urvater Abraham.

Die Bilder sind von einer großen Aufrichtigkeit bestimmt, man will von Inbrunst, von Enthusiasmus sprechen, ein Wort, in dem das Wort theos = Gott steckt. Die Motive liegen zwischen Figuration und Abstraktion, sind geprägt von Gegensätzen wie Licht und Schatten oder Innen und Außen – ganz so, wie das Leben durch Höhen und Tiefen, Geburt und Tod bestimmt ist. Es geht aber auch um das Zwischenreich der Träume und des mitunter rauschhaften Zustandes zwischen Wachsein und Schlaf. Dieses Fließen ist auch symbolisiert durch die Farbrinnsale, die über die Leinwände laufen, sowie durch die Offenheit, das „Atmen“ der Bilder, ein Aspekt, für den das große Format so wichtig ist.

Paul Gauguin hat die zentrale Frage Yurys Kharchenkos in seinem Hauptwerk Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? exemplarisch dargestellt. In dieser Tradition des Symbolismus, die eng mit dem Surrealismus verbunden ist, steht der jüdisch-russisch-deutsche Künstler.

Werke

Biographie

1986 in Moskau geboren, lebt und arbeitet in Berlin

2004-08 Kunstakademie Düsseldorf, Akademiebrief, Diplom
2011-12 Universität Potsdam, Seminar „Kunstphilosophie der Postmoderne, Einfluss von Jacques Derrida“

Ausstellungen (auswahl)

E = Einzelausstellung

2017 Felix Nussbaum Haus, Osnabrück (E)
Saarländische Galerie – Europäisches Kunstforum Berlin
2016 Clara Maria Sels Galerie, Düsseldorf (E)
Jüdisches Museum Westfalen, Dorsten (E)
Nordheimer Scheune, Helmut A. Müller (E)
2015 Clara Maria Sels Galerie, Düsseldorf
Mirta Demare Galerie, Rotterdam
Bonnefanten Museum, Roermond
Ober Gallery, Kent, CT, USA, mit Jasper Johns, AR Penck, Barbara Friedman und Donald Baechler
2014 Clara Maria Sels Galerie, Düsseldorf
Ilya Kabakov, Yury Kharchenko, Panamarenko, Alexander Brau, Bespoke, Düsseldorf
Kunstverein Dillingen, Thomas Huber (E)
2013 Clara Maria Sels Galerie, Düsseldorf (E)
Mirta Demare Gallery, Rotterdam (E)
Schwartzsche Villa, Berlin (E)
Gerhard Hofland Gallery, Amsterdam (E)
FRISCH, Halle am Wasser, Berlin (E)
Ober Gallery, Kent, Connecticut, USA (E)
Museum Kunst Palast Düsseldorf
2012 Chaplini Gallery, Köln (E)
Jerusalem Artists House, Jerusalem
Kunstraum Kreuzberg Bethanien, Berlin, mit Nezaket Ekici (E)
The London Jewish Museum of Art, London
Prima Center, Berlin (E)
Sammlung Kunst aus NRW, Aachen
Museum Kunst Palast Düsseldorf
2010 Art Cologne Förderkoje (E)
Kunstraum, Düsseldorf
2009 Art Cologne Project, Russian Salon, mit Vadim Zakharov und Anna Parkina (E)
Jiri Svestka Gallery, Prag
Otto Schweins Gallery, Köln (E)
2008 Kunstmuseum Walter, Augsburg
2007 European Kunsthalle Project, mit Tris Vonna-Michell (E)
Otto Schweins Galerie, Köln (E)
Shuebbe Projects, Düsseldorf (E)

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Website des Künstler: Yury Kharchenko