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„Kuratieren ist undemokratisch, autoritär und korrupt.“ – Wirklich?

26. Juni 2017
When Attitudes Become Form, Kunsthalle Bern, 1969

Bereits der erste Satz ist eine Herausforderung: „Kuratieren ist undemokratisch, autoritär und korrupt.“ In einer Polemik in der ZEIT (21.6.2017) verlangt Stefan Heidenreich, dass Kunst-Ausstellungen nicht länger als „Obsession von Einzelnen“ in „kuratorischer Selbstherrlichkeit“ veranstaltet werden. Vielmehr soll die Allgemeinheit ein Mitspracherecht haben. „Überwindet das Kuratieren,“ schreibt er, „beteiligt die Betrachter, demokratisiert das Ausstellen!“ Um diese Forderung rankt er Argumente, die partienweise höchst verstiegen sind und sich zu einer Generalkritik des Kunstbetriebs ausweiten. Darum halte ich eine – gleichfalls polemische – Entgegnung für unerlässlich. Heidenreich ist ein seriöser Autor und die ZEIT ein seriöses Blatt, und so nehme ich den Wissenschaftler-Journalisten bei jedem einzelnen Wort.

„Seit kuratiert wird, was noch gar nicht so lange der Fall ist, haben sich Künstler dem neuen Regime angepasst. Sie bieten ihre Werke nun unter allerlei thematischen Aspekten an.“ Nun, das Kuratieren ist wohl so alt wie die Kunst selbst, immer ist jemand da, der eine Auswahl trifft. Doch der Autor zielt auf die Groß-Kuratoren in der Nachfolge etwa eines Harald Szeemann, dem er die entscheidende Schuld an der unerträglichen Situation zuweist. (Zur Erinnerung: mit der Ausstellung „When Attitudes Become Form“ hat Szeemann 1969 Kunstgeschichte geschrieben, und seine „documenta 5“ von 1972 war ein Meilenstein in der Documenta-Geschichte.) Den Vorwurf, dass die Künstler sich dem „neuen Regime“ anpassen, indem sie ihre Werke unter allerlei thematischen Aspekten „anbieten“, hätte man gern näher belegt gehabt. Dass Kunstwerke vielschichtig und unter mehreren Aspekten wahrzunehmen sind, ist gewiss auch dem Autor bekannt.

„Wo die öffentliche Hand noch zahlt, gehört es zum guten Ton, den politischen Konsens zu bedienen.“ Was soll diese verschwurbelte Wortwahl, „gehört es zum guten Ton“? Glaubt der Autor tatsächlich, dass etwa Adam Szymczyk, Kasper König oder Hans Ulrich Obrist – oder einst Harald Szeemann – ihre Themen und Künstlerauswahl von der Meinung öffentlicher Geldgeber abhängig machen? Dass etwa die Stadtverordnetenversammlung Kassels darauf gedrängt hat, Athen in das Documenta-Boot zu holen? Heidenreichs Bewertung trifft wohl eher auf die kleinen, regionalen Institutionen zu, deren Kuratoren die örtlichen Honoratioren zufrieden stellen müssen. Eine der ersten bedeutenden „kuratierten“ Ausstellungen in Deutschland fand im übrígen 1906 in der Berliner Nationalgalerie statt, wo der Museumsmann Hugo von Tschudi, der Leiter der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, sowie der Journalist und Kritiker Julius Meier-Graefe eine monumentale Darstellung der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts gaben.

Ist dem Autor nicht bewusst, dass ein Fokus heutiger Kunst auf soziale, politische, historische Einbindung zielt und eine Kuratoren-Auswahl, die den Künstlern folgt, nicht etwa nur der political correctness geschuldet ist? Doch, er weiß es, und widerspricht sich selbst. Denn was die Kuratoren zeigen, sind „alles ehrenwerte, gute und wichtige Themen“: „Kunstwerke ‘über etwas‘ haben immerhin den Vorteil, dass sie sich nicht ganz vom Rest der Welt abwenden und in abstrakte Schwelgerei abgleiten wie die späte Moderne.“ Wen meint der Autor mit dieser nebulösen Formulierung – etwa Gerhard Richter? Der ist heute der einzige herausragende Künstler, der in „abstrakte Schwelgerei“ „abgleitet“. Die Helden unserer Kunstszene sind hingegen expressiv-figurative Maler wie Francis Bacon und Lucian Freud, oder irrlichternde Neo-Dadaisten wie Damien Hirst und Jeff Koons, oder auch, zwischen ihnen allen stehend, Jean-Michel Basquiat.

So richtig polemisch wird es, wenn der Autor die Kuratoren mit „autokratischen Herrschern“ vergleicht, die ihre Entscheidungen „dem Volk verkaufen wollen“. Es geht um Vermittlung, denn die Frage ist: „Wie bringen wir (…) unsere Untergebenen dazu, die ohne Zweifel stets gut gemeinte Willkür unseres Regimes zu akzeptierten?“

An dieser Stelle bekommt die Kunstkritik ihr Fett weg. „Die Kritik lässt sich willig vor diesen Vermittlungskarren spannen“ und ist ansonsten völlig bedeutungslos, denn „seit Betrachter zum bloßen Objekt der Vermittlung degradiert werden, schert sich keiner mehr um ihre Ansichten. Ohne Macht ist Kritik zum reinen Ornament herabgesunken.“ Wann und wie, um alles in der Welt, ist der Betrachter zum bloßen Objekt der Vermittlung degradiert worden? Wer hat das gemacht? Und wie sah die offenbar viel bessere Situation zuvor aus? Und wer hat der Kritik ihre „Macht“ gestohlen? Alles Nebelkerzen.

Die Rolle und Aufgabe der Kritik heute ist sicher eine ernsthafte Diskussion wert, jedenfalls hat sie besseres verdient als diese Kurzfassung: „Wie die im Kunstumfeld handelsübliche Theorie hat [die Kritik] sich in weiten Teilen darauf zurückgezogen, das Wirken der Kuratoren mit einer dekorativen philosophischen Blütenlese zu umkränzen.“ Das klingt ein bisschen nach Adorno, Gott hab’ ihn selig, aber was ist die „im Kunstumfeld handelsübliche Theorie“? Das würde der Leser doch gern wissen. Nebelkerze.

„Es gab eine Zeit, da hatten Kuratoren den vergleichsweise seriösen Job, die Sammlungen eines Museums zu pflegen, zu kurieren, im Wortsinn.“ Seien Sie getrost, möchte man dem Autor zurufen, diese Kuratoren gibt es immer noch, und zwar in einer sehr, sehr viel größeren Zahl als die von Ihnen kritisierte Variante. (Im übrigen bedeutet das Wort „kurieren“ heute nun wirklich das Heilen von Krankheiten; was im Museum geschieht, ist „Sorge tragen“, und das ist die in diesem Fall allein richtige Übersetzung von „curare“.)

Als Ausgangspunkt seiner Argumentation zitiert der Autor den amerikanischen Künstler Robert Smithson, der eine kulturelle Einengung (cultural confinement) fürchtete, „wenn ein Kurator eine Kunstausstellung thematisch eingrenzt, statt die Künstler zu bitten, ihre eigenen Grenzen zu setzen.“ Das war 1972, als die Konzept-Kunst entscheidend zur „Erweiterung des Kunstbegriffs“, wie es damals hieß, beitrug. Es ging Smithson also um künstlerische Freiheit und nicht um die „Demokratisierung“ der Kunst.

In einem sehr knappen historisch Abriss argumentiert der Autor, dass die Museumsgründungen um 1800 einen Sinn und Zweck hatten, nämlich „den neuen Nationalstaaten eine kulturelle Identität zu geben“ (was derart verkürzt nur halb richtig ist); in jüngerer Zeit hingegen wurden „Staaten in reine Wirtschaftseinheiten umgeformt. Die kulturelle Identität überließ man dem Konsum.“ Oh je! Das klingt doch allzu sehr nach unverdautem 68er Jargon – und in diesen Rahmen passt die Feststellung, dass „viele Ausstellungen zu Werbeveranstaltungen des Kunstmarktes herunterkommen“. Da kommt er ja doch noch, der böse Markt. Wir hatten ihn schon vermisst.

Die richtige Beobachtung, dass die wenigsten Museen heute ein festes Ankaufs-Budget haben und sich auf Wechselausstellungen konzentrieren, verbindet der Autor mit einem Fehlschluss: „Als Agenten dieses Con-Temporären kamen die Kuratoren.“ Warum er diese „Agenten“ an die Museen koppelt, bleibt rätselhaft. Jedenfalls finden die vom Autor so heftig kritisierten Kuratoren-Ausstellungen in der Regel gerade ohne die Museen statt.

Was der Autor an dieser Stelle leider auslässt, sind die vielen privaten Schenkungen an die Institutionen, gar die neuen Museen (oder Museums-Flügel), die einer einzigen Sammlung gewidmet sind, darunter Exemplare von höchster Qualität. Wie die Kunstgeschichte (auf die der Autor sich gern beruft) zeigt, ist es oft der unabhängige Einzelne, der Kritiker, Galerist, Kurator und eben der private Sammler, der das entscheidend Neue, Zukunftsweisende wahrnimmt. Wenn Museen in der jüngeren Sammlungsgeschichte vielfach eine eher untergeordnete Rolle spielen, so liegt das nicht allein am Geldmangel.

Als Lösung des Problems schlägt der Autor Künstler-Aktionen in der Tradition der Sezessionen und des Sonderbunds vom Beginn des 20. Jahrhunderts vor. Nur Mut, möchte man da sagen, wir sind neugierig auf das Ergebnis. Jedenfalls: dass solche Vereinigungen heute keine „Macht“ mehr haben, wie der Autor beklagt, liegt ganz gewiss nicht an den so überaus autokratischen Kuratoren, sondern allein an den Künstlern selbst.

Für seine zweite Lösung verweist der Autor auf die Internet-Community, wo jeder sich seine eigene Playlist anlegt. „Mit kuratierten Inhalten gibt sich dort kein Mensch mehr zufrieden.“ So ist es. Und zugleich hört man doch eher selten davon, dass Konzertbesucher, sei es Pop oder Klassik, das Programm bestimmen.

Ich empfehle dem Autor einen Besuch bei „Saatchi Art“: Auf dieser Internet-Seite kann jeder, wirklich jeder Künstler seine Werke präsentieren. Entsprechend beliebig ist das gigantische, vor allem qualitative Durcheinander, das mit Kategorien wie Stil, Technik, Format oder Preis gebändigt werden soll. Als besonderes Schmankerl, gewissermaßen als Hilfestellung und Richtschnur, bietet Saatchi an: eine Auswahl von Künstlern und Werken, die „kuratiert“ werden.

*

Heidenreichs Beitrag findet derzeit auf Facebook eine außerordentlich große Resonanz, es gibt einigen Widerspruch, vor allem aber Zustimmung. Offenbar hat er einen Nerv getroffen. Ich selbst fand „subjektiv kuratierte“ Ausstellungen zumeist sehr anregend; wenn mir etwas nicht gefiel, dann lag es vor allem daran, dass mir das Thema misslungen schien oder die Künstler-Auswahl nicht zusagte. Das ist wie in der Kunst selbst: das eine Werk mag man, das andere nicht. Es ist eher eine Frage des Geschmacks als etwas Grundsätzliches. Großveranstaltungen wie die Venedig-Biennale oder die Documenta locken mich immer weniger, nicht etwa, weil sie mir zu subjektiv, sondern zu beliebig sind.

In einer Kunstszene, die blüht und gedeiht wie niemals zuvor, gibt es auch Sumpfblüten, neigt so manches zum ungeordneten Wuchern. Das gilt z.B. für den Markt, und das gilt vielleicht auch für das System der Kuratoren-Ausstellung. Ähnlich wie im Regie-Theater mag eine Korrektur nötig sein. Was aber ganz sicher nicht hilft, ist eine platte „Demokratisierung“. Vielmehr sind es die Kuratoren selbst, die ihre Aufgabe neu überdenken müssten. Und alle Unzufriedenen seien ermuntert: Dann macht es doch selbst! Formiert euch, kümmert euch um die Planung und Organisation, den Ort, das Geld – und macht eure eigene Ausstellung!

2 Kommentare

  1. lieber ernst,

    das hast du gut analysiert und die schwachstellen in der argumentation aufgezeigt. allerdings – da gibt es ein unbehagen und auch die zustimmung an der scheinbaren entmündigung der künstler. und sozusagen partizipative ausstellungen gibt es ja auch, die älteste mir bekannte und mit grauen wahrgenommene die freie berline kunstausstellung. ich persönlich schätze den dialog mit kuratoren, denn die instanz zwiwschen den künstlern schafft einen überbau, zu dem die wenigsten künstler von sich aus in der lage sind.
    und wenn stadtverordnete über kunst entscheiden sollen – nein danke, das bitte nicht.
    also was ist es, das der artikel einfordert? darüber wäre es spannend zu diskutieren, oder geht es doch darum, was für einen wert und funktion denn die kunst in unserer gesellschaft noch hat?
    ist die übererklärerei und lehrmeisterhaftigkeit nervend? ok, dann schaut man hat weg, ist für mich uninteressant. münster werde ich anschauen, da sind spannende werke, die letzte dokumenta fand ich sehr gut. es kommt auch darauf an, was man für sich selbst entdecken möchte.

  2. Einen Knackpunkt in der Diskussion finde ich die Urheberrechtsdebatte. Hier wird doch recht deutlich, welche Künstler, Institutionen und Politiker hinter dem stehen was Heidenreich kritisiert und was demokratisiert gehörte (obwohl
    das ja praktisch schon super-demokratisch ist, aber eben nur einigen ganz wenigen Top-Shots nützt, hier kommt die Industrie sehr wohl ins Spiel). Die Kuratorinnen haben meiner Meinung nach auch keine „Mitschuld“. Im Gegenteil, meistens oft sind diejenigen die Produzenten selbst und bauen sogar noch das Zeug auf … oder organisieren es. Natürlich ist dieser Kommentar auch viel zu kurz gegriffen.

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