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Foto: Kerstin Fakler
Foto: Kerstin Fakler

Dieser knappe Überblick über ein Œuvre aus gut drei Jahrzehnten verblüfft, verwirrt vielleicht sogar durch seine stilistische Vielfalt – als sei hier nicht ein einzelner Künstler, sondern eine Vielzahl am Werk. Dem seit Jahrhunderten gültigen Grundgedanken der Kunst, die stilistische Einheit, stellt ter Hell das eigene Projekt entgegen: Er gibt seinen wechselnden Themen die jeweils angemessene Form. Die Dis-Kontinuität ist die überwölbende Einheit dieses Werks, Stilbruch ist das Stilprinzip.

Im großen Neustart der Berliner Kunst um 1980 gehört ter Hell zur Gruppe 1/61, der eher konzeptuell ausgerichteten Konkurrenz zur neo-expressiven Malerei der Galerie am Moritzplatz (1/61 war der Postzustellbezirk des westlichen Kreuzberg, parallel zu SO 36 für den östlichen Teil). Als Schüler des tachistischen Altmeisters Fred Thieler übernimmt er neben dessen gestischem Ansatz auch seine Experimentierfreude. Der andere point de résistance ist Jackson Pollock. Die Mischung aus typisch Berliner, rotziger Frechheit und politisch aufgeladener, anarchischer Protestkultur auf der einen Seite sowie Weltoffenheit und internationaler Orientierung auf der anderen prägt seither ter Hells Werk.

Zwei Ansatzpunkte halten dieses stilistisch disparate Werk zusammen. Der eine ist die Reflexion, die Analyse, das Denken. Überlegungen zu den kompositorischen und strukturellen Möglichkeiten treiben den Künstler mit einer gewissen Atemlosigkeit von Bild zu Bild. Überhaupt spielt die körperliche Bewegung eine große Rolle in seiner Arbeit, wie ein Tänzer – manchmal wie ein Springteufel – umkreist und gestaltet er seine Werke. Daneben steht der Ort des Denkens selbst, das Gehirn: nach diesem Organ ist eine ganze Serie benannt, Hirnströme finden ihre Form als Fäden-Gewimmel, als „energetische Ketten“. Immer wieder gerinnt das Zerebrale zu Worten und Begriffen.

Der zweite Ansatzpunkt ist das politische, sozialkritische Denken. „Der Sinn meiner künstlerischen Arbeit“, sagt ter Hell, „besteht in dem Versuch, einen Ort zu finden, von dem aus ich der Gehirnwäsche, der Korruption und dem Kapitalismus etwas entgegensetzen kann.“ Als hellwacher Beobachter will er über die „Verhältnisse“, das „System“ aufklären, aus seiner Position als Künstler heraus ein allgemeines, kritisches Bild-Bewusstsein schaffen. Ein zentrales Angriffsziel ist die digital aufbereitete Ersatz-Welt, er träumt von einem großen Crash, „als würde Zeus Blitze werfen und der ganze Online-Verkehr zusammen brechen“.

Wer den Emotionen dieser Bilderwelt nachspürt, entdeckt hinter der rationalen, „coolen“ Haltung und dem gelegentlich ausufernden, geradezu aufsässigen Aktionismus eine gewisse Melancholie, vielleicht sogar Verzweiflung – nicht nur über den Zustand der Welt im allgemeinen, sondern auch über das individuelle Schicksal. Es geht um das existenzielle Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst, um die Aufgabe jedes Einzelnen, seinen Platz in der Welt zu bestimmen und zu behaupten – um den Wunsch, das Unbehauste zu überwinden. Mehrere Bilder ter Hells tragen den Titel „Bezüge“, zu verstehen wohl als Ausdruck des Wunsches nach einem Lebens-Zusammenhang.

Einige Arbeiten bestehen aus mehreren Tafeln, die stilistisch sehr unterschiedlich sind und gleichwohl kompositorisch ein harmonisch ausgewogenes Ganzes bilden – wie sich auch die disparaten Teile eines einzelnen Bildes sowie des Œuvres insgesamt zur Einheit fügen. Dahinter steht eine Utopie: Diese Kunst will die losen Enden zusammenbinden, dem Sinnlosen Sinn, dem Chaotischen Ordnung und Struktur geben. Ihr Streben nach Schönheit verkörpert das Ideal einer vollkommenen, befriedeten Gesellschaft.

Biographie

1954 geboren in Norden
1976-1981 Studium an der Hochschule der Künste Berlin bei Fred Thieler, Meisterschüler
1979 Gründung der Künstlergruppe und Galerie 1/61, Berlin
1982 PS1 Stipendium, New York
1983 Kunstpreis Glockengasse Köln
1983 Philip Morris-Preis: Dimensionen IV – Neue Malerei in Deutschland

Einzelausstellungen

Einzelausstellungen fanden u.a. in der von ter Hell mitbegründeten Galerie 1/61 und den Galerien Nothelfer, Fahnemann, Pels-Leusden, Manfred Giesler (alle Berlin) sowie Dany Keller (München) und Tilly Haderek (Stuttgart) statt. In den letzten Jahren wurden die Arbeiten vor allem im Freien Museum Berlin gezeigt. Eine Präsentation mit knapp 50 Werken aus der Sammlung Böckmann läuft bis 10. April 2016 im Museum Weserburg, Bremen.

Eine umfangreiche Werkschau ist ständig im Hotel Pullman Berlin Schweizerhof zu besichtigen.

Gruppenausstellungen (Auswahl)

1979 „Alkohol, Nikotin fff“, Galerie am Moritzplatz, Berlin
  „12 Räume – 12 Künstler“, DAAD Galerie, Berlin
1980 „Junge Kunst aus Berlin“, Goethe-Institut München; gezeigt in Berlin, London, Singapur und anderen Orten – bis 1982
  Große Kunstausstellung, München
1981 „Ten Young Painters from Berlin“, Goethe-Institut, London
  „Forum Junge Kunst 81“, Wolfsburg, Düsseldorf, Kiel
  „Bildwechsel – Neue Malerei aus Deutschland“, Akademie der Künste, Berlin
  „Situation Berlin“, Museum Nizza, Kunsthalle Wilhelmshaven
  „Phoenix“ Alte Oper, Frankfurt
  „Dimension 81 – Neue Tendenzen der Zeichnung“, München, Berlin, Düsseldorf
1982 „10 x Malerei“, Parallel-Ausstellung zu Chaim Soutine, Landesmuseum Münster
  „Gefühl & Härte“, Neue Kunst aus Berlin, Kulturhuset Stockholm, Kunstverein München
  „Zeichnung heute“, 2. Internationale Jugendtriennale der Zeichnung, Nürnberg, Lausanne, Lissabon
  Galeria Peccolo, Livorno (mit Reinhard Pods und Gerd Rohling)
  „Made in New York“, Paintings and Sculptures by Four Contemporary German Artists – Thomas Bernsten, ter Hell, Barbara Quandt, Klaus Schmitt – Goethe-Institut, New York
  „Sieben im Kutscherhaus“, Sammlung Dr. Stober, Berlin
  „New European and American Drawing“, Piran, Jugoslawien
1983 „Xenophilia“, The Clocktower Institute for Art and Urban Resources, New York
  „Dimension IV – Neue Malerei in Deutschland“, Nationalgalerie, Berlin; Haus der Kunst, München; Kunsthalle Düsseldorf
1984 „Neue Malerei Berlin“, Kestner-Gesellschaft, Hannover
  „Kunstlandschaft Bundesrepublik Deutschland“, Stuttgart, Ulm, Reutlingen
1985 „Kunst in der Bundesrepublik Deutschland 1945 – 1985“, Nationalgalerie, Berlin
  „Drawings – 12 Artists from Berlin“, Wanderausstellung Goethe-Institut Kairo
1986 „Berlin Aujourd’hui“, Musée de Toulon, Toulon, Frankreich
  „7. Internationale Biennale der Grafik“, Mulhouse, Frankreich
  „Von Beuys bis Stella“, Kupferstichkabinett Berlin
  „Kunst in Berlin von 1870 bis heute, Sammlung der Berlinischen Galerie“, Martin-Gropius-Bau, Berlin
1987 „Berlin Art 1961 – 1987“, Museum of Modern Art, New York, und San Francisco Museum
  „Dallas – Berlin“, Crescent Gallery, Dallas, Tx.
  „Bremer Kunstpreis“, Kunsthalle Bremen
  „desire for life“, Pictures from Berlin, Goethe-Institute der USA und Kanada
1989 „Malerei des 20. Jahrhunderts“, Martin-Gropius-Bau, Berlin
  „Kunst in Berlin von 1900 bis heute“, Centro de Arte Moderna, Lissabon
1990 „Ambiente Berlin“, Biennale Venedig
1991 „Berliner Kunst seit 45“, Museen in Riga und St. Petersburg
1992 Sammlung der Berlinischen Galerie, Berlin
1999 „Deutsche Kunst nach 1945“, Kunstmuseum Bonn
  „100 Jahre Kunst im Aufbruch“, Berlinische Galerie, Bonn, Grenoble, Valencia, Porto, Budapest
2003 „Ich bin’s – Zwischenspiel V“, Berlinische Galerie im Kunstforum der Grundkreditbank Berlin
2008 „Die aufregende Kunst des 20. Jahrhunderts“, Neue Nationalgalerie, Berlin
  „Eine Dekade – 10 Einsichten“, Kunstfaktor Produzentengalerie, Berlin
2010 „Vom Esprit der Gesten“, Kupferstichkabinett, Berlin
2013 „Synekdoche – The Artists Show“, Freies Museum Berlin
2014 „Let’s Fix It!….It’s Fixed!“, Freies Museum Berlin

Für ein vollständiges Verzeichnis der Ausstellungen sehen Sie bitte ter Hell Biographie.

Werke