Künstler oder „Künstler“? (1)

Was unterscheidet den wirklichen und wahren vom Möchtegern-Künstler? Im seinem Roman Anton Reiser gibt Karl Philipp Moritz eine schöne Definition. Moritz, ein jüngerer Zeitgenosse Goethes, ist ein zu Unrecht Übersehener; als Dichter der Aufklärung und des Sturm und Drang übte er einigen Einfluss auf seine Zeitgenossen aus, wurde dann jedoch bald vergessen. In Anton Reiser, von Moritz selbst als „ein psychologischer Roman“ bezeichnet, beschreibt er seine eigene Entwicklungsgeschichte: Aus einem armen Elternhaus stammend, ohne Liebe und Unterstützung aufgewachsen, drängte es ihn zum Schauspiel, wo er endlich die Anerkennung und Zuneigung zu erlangen hoffte, die ihm zuvor versagt blieb.

Trotz vieler Fehlschläge bleibt Anton Reiser seinem Ziel treu – obwohl ihm nach und nach dämmert, dass er womöglich aus den falschen Gründen Schauspieler werden will und sein Weg zur Bühne ein Irrweg ist. Schließlich kommt er zur Erkenntnis, dass es ihm gar nicht um die Darstellung lebendiger Figuren geht, sondern dass er durch die Charaktere, die er spielt, sein eigenes erbärmliches Leben vergessen will. Er sucht also weniger nach einem Beruf, den er lebendig gestalten kann, als nach einem Füllstoff für seine innere Leere.

„Es war also kein ächter Beruf, kein reiner Darstellungstrieb, der ihn anzog: Denn ihm lag mehr daran, die Scenen des Lebens in sich, als außer sich darzustellen. Er wollte für sich das alles haben, was die Kunst zum Opfer fordert. Um seinetwillen wollte er die Lebensscenen spielen – sie zogen ihn nur an, weil er sich selbst darin gefiel, nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm alles lag.“ Die Selbsttäuschung verbarg ihm lange Zeit die Einsicht, „daß wer nicht über der Kunst sich selbst vergißt, zum Künstler nicht geboren sey“.

Diese Erkenntnis lässt sich umstandslos auf die bildende Kunst übertragen. Wer nur sein Inneres nach außen tragen und in narzisstischer Weise vor allem sich selbst darstellen will, wem sein eigenes kleines Ich wichtiger ist als die Arbeit an der Kunst, die Gestaltung eines Werks, der ist – nur ein „Künstler“.