Wende-Zeit

Rundgang in der Berliner Universität der Künste - Skulpturen von Aaron Rahe

Alles ist zeitlich bedingt, und nichts dauert ewig. Diese Historiker-Weisheit gilt auch für unser heutiges, außerordentliches Kunstinteresse. Zur Erinnerung: Der Boom setzte um 1980 ein, mit dem Hype um die figurative, neo-expressive Malerei; die leicht konsumierbaren Werke verdrängten damals die „schwierigen“, als blutarm und langweilig gescholtenen, viel zu ernsthaften Minimalisten und Konzeptualisten. Diese Neuen Wilden erschienen zeitgleich an den unterschiedlichsten Plätzen, in Köln und Berlin, in Italien und New York und an vielen anderen Orten. Ich selbst war 1981 mit der Ausstellung BILDWECHSEL in der Berliner Akademie der Künste am Wende-Manöver beteiligt.

Da lag etwas in der Luft. 1979 wurde mit art eine Kunstzeitschrift ganz neuen Typs begründet, die sich nicht mehr nur an ein spezielles, kleines Kunst-Pulikum, sondern an eine breite Leserschaft wandte (unnötig zu sagen, dass auch ich, auf Einladung des unvergessenen Axel Hecht, mit großem Vergnügen für art schrieb). Dann startete – mit Hans Holleins Museum Abteiberg in Mönchenglasbach – der Museums-Boom, über den wir hier schon sprachen. Bald jagte eine Blockbuster-Show die nächste, erinnert sei nur an die MoMA-Schlange rund um die Neue Nationalgalerie; immer neue Biennalen umwarben das Publikum, in den letzten 25 Jahren wurden nicht weniger als 105 derartige Veranstaltungen begründet.

Und der Markt explodierte: waren zunächst Preise von 10, 20 Millionen Dollar viele Schlagzeilen wert, so nehmen wir heute Auktionsergebnisse von 150 Millionen und mehr gelassen hin. Kunstwerke wie die glitzernd-glatten Konsum-Objekte eines Jeff Koons oder der diamantenübersäte Platin-Totenschädel eines Damian Hirst sind ausdrucksstarke Symbole dieser Situation.

Man muss kein Pessimist sein, um zu konstatieren, dass diese Entwicklung nicht ungezügelt weitergehen wird – eine Entwicklung übrigens, die viele Bereiche unserer Gesellschaft betrifft. So klagte kürzlich Felix Magath, als Ex-Spieler, Trainer und Manager eine Schlüsselfigur des deutschen Fußballs, über sein Metier: „Es geht nur noch um Unterhaltung und Verkaufen.“

Was bedeutet das alles für die Kunst selbst? Ich wage die Behauptung: Nicht viel. Gewiss wird es in der Szene eine spürbare Beruhigung geben, insbesondere auf dem Markt, wenn die Superreichen die Lust am Kunst-Poker verlieren und erkennen, dass sie mit handfesten Dingen wie Jachten etc. auf eine viel praktischere Art Eindruck schinden können als mit etwas so Zerbrechlichem wie Gemälden. Doch wenn wir an die Wurzel von allem gehen, an die Werke, die heute von jungen Künstlern geschaffen werden, dann dürfen wir getrost optimistisch sein.

Als häufiger Besucher von Kunsthochschulen und Ateliers bin ich immer wieder überrascht und fasziniert davon, dass sich der Nachwuchs zwar ganz selbstverständlich mit den Themen Markt, Strategie und Karriere beschäftigt, dass ihm kunstimmanente Fragen jedoch weitaus wichtiger sind. Die jungen Frauen und Männer setzen da an, wo bisher noch jeder Künstler, und habe er später die spektakulärsten Werke geschaffen, seinen Weg begann: bei den ureigenen Fragen der Kunst, bei der Formgebung, bei der bildnerischen Umsetzung von existenziellen Erfahrungen.

Natürlich sind diese jungen Künstler nicht dumm, sie wissen, wie die Welt tickt. Doch das hält die Begabtesten nicht davon ab, das alles beiseite zu schieben und, oft in aller Stille und im Austausch mit Mentoren, Freunden und Kollegen, ihren je eigenen Überlegungen nachzugehen. Man mag diese Ansicht naiv schelten, aber ich habe die Überzeugung gewonnen, dass die Kunst eine höchst gesunde und vielversprechende Zukunft hat.