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Alexandra Baumgartner Studio
Alexandra Baumgartner Studio

Alexandra Baumgartner erkundet die Verstrickungen der Seele. Ihre surrealistischen Collagen, Malereien und Objekte erzählen von dem suchenden Ich, das verloren scheint zwischen den Dämonen der Natur und den Zwängen der Gesellschaft. Das erste Werk in unserer Präsentation, Hypnose, ist ein Sinnbild für diesen Zustand. Der Tänzer Rudolf Nurejew, Sinnbild für die freie Beweglichkeit des Menschen, ist gebannt, gefesselt durch das Testbild, auf das er starrt. Die Künstlerin arbeitet hauptsächlich mit gefundenen Fotografien, die sie vergrößert und dann weiter bearbeitet. Was sie am alten Foto interessiert, ist das punctum,“ jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft)“ (Roland Barthes).

Suche nach dem Ich

Diese Kunstwerke konfrontieren uns mit beschädigten, verlorenen, verborgenen Gesichtern. Das Antlitz, erster und persönlichster Ausdruck des Menschen, ist vernäht, geflickt, ausgelöscht. Die Gesichter sind verdeckt durch Frisuren, ersetzt durch eine Skulptur oder ein zweites Gesicht, das wie eine Maske wirkt. Die Augen, die „Fenster zur Seele“, sind verbunden oder ganz geschlossen. Wir wissen nicht, welches Ich wir vor uns haben, wie auch die Person selbst ihr Ich nicht kennt – oder ganz verloren hat.

Auch der Spiegel, in dem wir uns üblicherweise im doppelten Sinn des Wortes „erkennen“, kann die Verstrickungen der Seele nicht lösen. Dieser Spiegel ist schwarz, wir sehen nur unsere Schatten. Er verdeutlicht die verschiedenen Realitäten, die sich in diesem Werk überlagern. Ausgangspunkt bei den Collagen ist eine bereits abgebildete Wirklichkeit, eine Fotografie, die mit anderen Fotos, mit anderen Realitäten verbunden wird, und diese zwei Realitäten ergeben in ihrer Kombination eine dritte.

Schraubstock der Gesellschaft

Die vielen Fäden in diesem Œuvre sind ein Zeichen für die Verstrickungen des Ich, die persönlichen Beziehungen, auch die sozialen Zwänge. Die meisten Motive entstammen dem späten 19. Jahrhundert mit ihren rigiden Moralvorstellungen, als eine Frau noch einen Skandal erzeugte, wenn sie nur ihre Knöchel entblößte. Da ist durchaus Gewalt im Spiel: In Evidence stehen hölzerne Pfosten aufgereiht wie die Gewehre eines Erschießungskommandos. Und der hübsche Garten-Fountain wird zum Albtraum: Die Gesichter niedlicher Putten sind zu Fratzen verzerrt, das heitere Spiel gerät zum Kampf auf Leben und Tod. Die Spiegel entstammen den nicht weniger rigiden 1950er Jahren, ebenso die kleinen Lampenschirme, die zur abstrakten Skulptur à la Brancusi gestapelt sind.

Sigmund Freud Wien Ur-Couch
Wohnung Sigmund Freuds in Wien mit der Ur-Couch

Sigmund Freud, Surrealismus

Es fällt nicht schwer, in den Arbeiten der in Salzburg geborenen und – neben Berlin – in Wien lebenden Künstlerin Anklänge an die Psychoanalyse zu sehen: Es ist das Sigmund Freud-Gen, das in der Österreicherin wirkt. Die Collagen spiegeln das von Freud definierte Unbewusste, das uns steuert, mehr als uns manchmal lieb ist. Die fernen Zeiten, denen das Material der Kunstwerke entstammt, entspricht den weit zurückliegenden Ereignissen, die unsere Psyche prägen, und die verschiedenen Realitätsebenen haben ihr Äquivalent in den Sphären des Ich, Über-Ich und Es.

Einen Vorläufer hat das Werk Alexandra Baumgartners im klassischen Surrealismus: Auch dort geht es um Unbewusstes und Übersinnliches, um die Abgründe und Verstrickungen der Seele. Man denke etwa an die Szene in Un Chien Andalou, wo ein Messer in Männerhand einer Frau das Auge durchschneidet. Ähnlich skandalös das (von den Surrealisten verehrte) Werk des Marquis de Sade mit seinen psycho-sexuellen Ausschweifungen jenseits aller Normen.

Die Kraft des Weiblichen

Eine herausgehobene Rolle spielt die Kraft des Weiblichen. Am deutlichsten wird sie in Entreakt, einem der einprägsamsten Werke Alexandra Baumgartners. Eine Hysterikerin, Patientin des Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot im späten 19. Jahrhundert, bringt Stühle zum Tanzen. Ihre magische Geste der Beschwörung ist Ausdruck ihrer psychopathischen Energie. Das Krankheitsbild der Hysterie wurde fast ausschließlich bei Frauen diagnostiziert, und Charcot ließ es sich nicht nehmen, seine Patientinnen öffentlich vorzuführen. Damit ist diese Frau sowohl Opfer männlicher Phantasien als auch Trägerin einer übersinnlichen Kraft. Wie fragil das alles ist, zeigen die Stühle, die nur gegen aneinander gekippt sind und beim leisesten Stoß umfallen können.

Ein Statement der Künstlerin

„Thema meiner Arbeiten sind psychische und moralische Abgründe, der physische Verfall des Menschen, Vergänglichkeit, Beziehungsgeflechte, Grenzzustände, Kontrollverlust und Ängste. Es ist ein Analysieren der zerbrechlichen Beziehungen zwischen den zutiefst persönlichen Empfindungen und den äußeren gesellschaftlichen Zwängen. Die Natur, die uns bestimmt, und der Mensch, der versucht, sie zu kontrollieren, aber im Grunde dennoch unterlegen bleibt. Diesen Kampf führt ja jeder mit sich. Das Tier in uns, das Animalische, das man zu kontrollieren versucht und das doch immer wieder durchkommt, ob wir wollen oder nicht.”

Bitte besuchen Sie auch die Website Alexandra Baumgartners und ihre Seiten auf Faceboook. und ARTPILlinossiartstory hat ein Gespräch mit der Künstlerin aufgezeichnet, auf Youtube gibt sie ein Statement ab.

Weitere Werke zum Thema “Neue Formen des Surrealismus” finden Sie auf unserer Website bei Florian Pelka sowie auf den TOP-Seiten “real/sur-real” mit Werken der Malerei und der Fotografie.

Tags: #collage #surrealismus neosurrealismus #psychologie #seele #sigmundfreud #jahrhundertwende #fünfzigerjahre #gesellschaftlichezwänge #feminismus #moral #wilhelminismus.

Werke

Biographie

Biographie

1973 geboren in Salzburg
1994-1998 Universität Mozarteum Salzburg
1998-2000 Fotografie Kolleg, Höhere Grafische Lehranstalt Wien
2000-2004 Universität für Angewandte Kunst Wien
2015-2017 Vorlesungen “Experimentelles Design/Collage”, HTW – Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin
  Lebt und arbeitet in Berlin und Wien

Ausstellungen (S=Solo)

   
2018 Salzburger Kunstverein Kabinett, Salzburg (S)
Futurs Antérieurs, Maison Guerlain – Parcours Privé de la FIAC, Paris
Parallel Vienna 2018, Arcc.art Gallery Statement, curated by Sophie Haslinger (S)
New Black Romanticism, Topicuv Salon, Prag
Neue Schwarze Romantik, Palais Thurn und Taxis, Bregenz
Inside Out – Fotografie und Psychologie, DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt a.M.
Großer Kunstpreis, Ausstellung der Nominierten, Traklhaus, Salzburg
2017 Reinheit in der Unvollkommenheit, Salzburger Kunstverein
Welcome Home, Fotogalerie Wien, mit Anita Wiek (S)
Circles, Projektraum Lucas Cuturi, Wien (S)
Neue Schwarze Romantik, Bethanien, Berlin
Wir nennen es Arbeit, Galleria Opere Scelte, Turin
New Black Romanticism, The National Museum of Art, Bukarest
Elastic Collisions, Kunsthalle Exnergasse, Wien
Stratified-Fragmentierte Welt(en), das weisse haus, Wien
2016 Spectrum 2 – about paper, Galerie Eigenheim, Berlin
Winter Salon, Raum für aktuelle Editionen, Wien
Instant Editions, Parallel Vienna 2016, Wien
Sommer.Frische.Kunst, Bad Gastein
Cross Section1, Busche-Kunst, Berlin
Spiegelgasse1, Galerie Börgmann, Mönchengladbach
2015 Arcadia Unbound, Funkaus Nalepastraße, Berlin
Das Prinzip Collage, Forum Frohner, Krems
Queertopia: It Takes a Village, 68projects, Berlin
Audience, Corner Window Gallery, Auckland, New Zealand (S)
Saloon, Sexauer Gallery, Berlin
Gegen den Tag, Haus am Lützowplatz, Berlin
Instant Edition, Museum Leopold, Wien
Intervall, Städtisches Museum Engen + Galerie, Engen (S)
2014 f/12.2, Stipendiatenausstellung, DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt am Main
Viel Arbeit, wenig Rot, Salon Hansa, Berlin
Samples (überstürztes Hängen), Kreuzberg Pavillon, Berlin
Painting Was a Lady Goes America, Wonderloch Kellerland, New York
Money Works 2, Haus am Lützowplatz, Berlin
Sessel, Stuhl, Hocker in der Kunst, Galerie im Traklhaus, Salzburg
Der schwarze Hund, Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Baden-Baden
Talent, Galerie 401contemporary, Berlin
Psycho Killer, Galerie Börgmann, Mönchengladbach
The Hot 100 Auction, Paddle8, New York
2013 Let us snow, Kreuzberg Pavillon, Berlin
Hypermart, Galerie Trapp, Salzburg
Pop Hits & Alptraum, Artspace Rhein Main, Offenbach
Verliebte Künstler, Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin
Entreakt, Berlin-Weekly, Berlin (S)
Open Art/Summerstage, Wien
2012 Death Can Dance (Kurator: Lori Hersberger), Townhouse, Zürich
Alptraum, Metro Manila, Green Papaya Art Projects, Quezon City, Philippinen
Auction for Adisco, Sotheby´s Mailand
Alptraum, Goethe Institute Johannesburg, South Africa
2011 Le choix de Paris, Cité internationale des arts, Paris
I am a work in progress, Periscope, Salzburg
Alptraum, Blank Projects, Cape town; The Company Gallery, Los Angeles;
 Deutscher Künstlerbund, Berlin; Cell Project Space, London
Tape Modern No.19, Tape Club, Berlin


STIPENDIEN, PREISE

2018 Jahresstipendium für Bildende Kunst des Landes Salzburg
2017 Förderpreis des Landes Salzburg
2016 Artist in Residence, Sommer.Frische.Kunst, Bad Gastein
2014 Top 5 Shortlisted Artist, DZ Bank Kunstsammlung, Frankfurt am Main
2008-09 Cité internationale des arts Paris, Jahresatelier
2004 Emanuel und Sophie Fohn Foundation, München
2003 Anni und Heinrich Sussmann Foundation, Wien
1998 Internationale Sommerakademie Salzburg, Leon Golub/Nancy Spero