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Jinny Yus “Kunst über Kunst” breitet die Poesie des Konzeptuellen vor uns aus. Hier finden wir, wie in einem Lehrbuch, vieler jener Aspekte, die Künstler und Theoretiker seit jeher beschäftigen. Dabei kommt  Jinny Yu mit bemerkenswert geringen Mitteln aus: Im wesentlichen bestehen die Arbeiten aus Aluminium, Spiegeln und schwarzer Ölfarbe, in einige Fällen ergänzt durch Polyesterfolie. Die Farbigkeit ist reduziert auf ein  – allerdings lebendiges – Grau-Beige. Zu den Aspekten, denen die Künstlerin sich widmet, gehören:

  • Widerspiegelung der Welt: Bereits der Malgrund, Spiegel und Aluminium, zielt auf dieses Grundthema traditioneller Malerei. Die leicht verwischte Spiegelung des Aluminiums wirft die Frage auf, wie exakt eine malerische Wiedergabe überhaupt sein kann.
  • Illusion: Das Erschaffen von Illusion gehört zu den zentralen Aufgaben der Malerei; Jinny Yu nutzt dazu wiederum den Spiegel. Angesichts der vielfachen Reflexionen des über Eck angebrachten Non-Painting Painting wissen wir kaum noch, auf welcher Reflexionsebene wir uns befinden, wo genau das hier zitierte Eck-Bild von Malewitsch tatsächlich steckt.
  • Expressiv vs. konstruktiv: Diesen “ewigen” Konflikt der Malerei (einst als Kampf zwischen colore und disegno geführt) löst Jinny Yu, indem sie mit ihrer sehr bewusst eingesetzte Pinselführung die Balance hält zwischen expressiver Subjektivität und perfekter Kontrolle.

bildraum, bildträger, farbe

  • Bildraum: Mit dem reflektierenden Bildgrund beantwortet sie eines der zentralen Anliegen abendländischer Malerei seit der Renaissance: Wie ließe sich ein gelungenerer Illusionsraum erschaffen als mit einem Spiegel?
  • Bildträger: Mit ihren Spiegeln löst Jinny Yu den traditionellen Bildträger gewissermaßen auf, er ist sichtbar und unsichtbar zugleich. In den Werken aus dünner, frei fließender Polyesterfolie fallen Grund und Bild zu einem Objekt zusammen.
  • Farbe: In der Reduktion auf Grau, Beige und Schwarz liegt – als deren Gegensatz – die Fülle aller Regenbogen-Farben, sowohl in der Imagination als auch in der Realität, denn die reflektierenden Oberflächen der Farbträger spiegeln unsere bunte Umgebung.
Ausstellung in der Galerie Art Mûr, Berlin, 2018

Indem ihr Werk zwischen Gemälde, Skulptur und Relief oszilliert, löst die Künstlerin die tradierten Gattungen auf. Und sie wendet sich den Genres zu: so kann das Studiowork # 37 als ironisches Zitat eines der beliebtesten Genres, des Stilllebens, verstanden werden. Und nicht zu vergessen: die Wand. Auch dies ist ein beständiges Thema der Malerei, in der Bandbreite von Bildträger (bei Wandmalerei/Fresko) über den neutralen Hänge-Grund bis zum unmittelbaren Einbezug in das Kunstwerk. Jinny Yu führt uns das vor, indem sie eine Glasscheibe gegen die Wand lehnt und einen Rahmen um das Glas zieht, wie in Painting=Subject+Boundary. Sofort ist die Wand – und damit die gesamte Umwelt – Teil des Werks.

malewitsch und pollock

Zu Jinny Yus zentralen Bezugspunkten gehören – neben Kasimir Malewitsch – die Maler der New York School, insbesondere Barnett Newman und Ad Reinhardt mit ihrem Bemühen um das “Letzte Bild”, den Endpunkt der Malerei. Dem nähert die Künstlerin sich auf ihre Weise – und dreht die Sache so um, dass diese Haltung kein End- sondern ein Ausgangspunkt ist für eine neue, weitere Phase der Malerei. Den Heroen Jackson Pollock zitiert Jinny Yu (bereits im Titel) im Video Number 37 mit – im Unterschied zu Pollock – eher filigranen, “weiblichen” – Farbspritzereien.

Die jüngsten Arbeiten führen den Ansatz “Kunst über Kunst” und die Poesie des Konzeptuellen fort, sie untersuchen den Zusammenhang zwischen bildnerischen Zeichen und deren Deutung. Stellen zwei Striche eine gehende Figur dar, wohin bewegen sich diese Gestalten, was ist ihr Ziel? Welche Geschichte verbinden wir mit einer weit aus dem Fenster wehenden Gardine? Und zu welchen Interpretationen führen uns Anmerkungen, die unter dem Bild auf die Wand geschrieben sind? Wir brauchen keine Antworten auf diese Fragen, es genügt, dass wir sie stellen.

Bitte besuchen Sie auch Jinny Yus Werk in unserer Sektion SPECIAL: Don’t they ever stop migrating.

Die Homepage von Jinny Yu finden Sie hier.

Und einige Infos zur jünsten Ausstellung in Montreal, Kanada, Art Mûr.

Werke

Biographie

Biographie

1976 geboren in Seoul, Süd-Korea
1998 Bachelor of Fine Arts (Painting and Drawing), Concordia University, Montreal, Kanada
2002 Master of Fine Arts (Visual Arts), York University, Toronto, Kanada Master of Business Administration, Schulich School of Business, Toronto
  Jinny Yu lebt in Kanada und Italien, gelegentlich in Berlin. Sie ist Associate Professor of Painting an der University of Ottawa

Ausstellungen, Stipendien, preise

Jinny Yus Arbeiten wurden in einer Vielzahl von Ausstellungen präsentiert, darunter: Nuova Icona, Oratorio di San Ludovico, Venedig; ISCP Gallery, Brooklyn; Pulse New York; Scope New York; Bevilacqua La Masa Foundation, Venedig; Kunst Doc Art Gallery, Seoul; Kyoto Municipal Museum of Art, Kyoto; Conduit Street Gallery, Sotheby’s, London; Carleton University Art Gallery, Ottawa; Taehwa Eco Art Festival, Ulsan City, Korea; Confederation Centre Art Gallery, Charlottetown, Kanada; McMaster Museum of Art, Hamilton.
Sie wurde 2012 mit dem Laura Ciruls Painting Award von der Ontario Arts Foundation ausgezeichnet und war 2011 Finalistin für den Pulse Prize New York. Sie erhielt Stipendien vom Canada Council for the Arts, Ontario Arts Council, und dem Conseil des Arts et des Lettres du Québec.

gastaufenthalte

2018 Klondike Institute of Art and Culture, Dawson City, Yukon, Kanada
2016 Independent Residency: Canada Council for the Arts, Berlin
2012 Seoul Museum of Art Nanji Art Studios, Seoul
2010-11 International Studio & Curatorial Program (ISCP), Brooklyn, New York 
2010 Pan! Peinture, Painting symposium, Québec, Kanada Confederation Centre of the Arts Gallery, Charlottetown, Canada
2005 Bei Gao Artist Residency, Red Gate Gallery, Beijing
2004 Kunststiftung Starke, Berlin
1999 Thematic Residency Landscape, Banff Centre for the Arts, Banff, Canada
  Für eine vollständige Biographie sehen Sie bitte Jinnys Website.