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Nach unseren zwei Präsentationen von Malerei des Neo-Surrealismus setzen wir das Thema im Medium Fotografie fort. Der Unterschied ist in diesem einen Punkt fundamental: Während der Maler vom Sujet über den Stil bis zur Technik alles frei gestalten kann, ist es geradezu das Geburtsmerkmal des Fotos, dass es die Welt exakt widerspiegelt. In dieser Hinsicht können Dokumentar- und Straßenfotografie als die Fotografie schlechthin gelten. Tatsächlich haben die vier Fotografen, deren Werke wir hier vorstellen, in diesen Bereichen gearbeitet oder sich wenigstens intensiv damit auseinander gesetzt. Und sich anders entschieden: Sie alle sprechen davon, keine Fotos aufzunehmen, sondern vielmehr Kunst zu machen, „Bilder“ zu erschaffen. Bezeichnenderweise setzten die Surrealisten der 1920er Jahre ihre Fotos sehr bewusst als gleichberechtigtes Medium neben die Malerei.

Gleichwohl spielt in diesen Fotos das Dokumenarische eine entscheidende Rolle, und sei als als zu überwindendes pièce de résistance. Im Gegensatz zum klassischen Surrealismus, der die Welt sezierte und neu zusammensetzte, nehmen diese vier Fotografen die Realität, wie sie ist, sie verzichten weitgehend auf eigene Inszenierungen. Ihr wichtigstes Mittel der Verwandlung ist das Licht, sei es aus künstlicher oder natürlicher Quelle. So erschaffen diese Fotografen eine ganz eigene Welt, in der das Subjektive, Intiutive und Unterbewusste die zentrale Rolle spielen. In ihren Fotos erscheint die Welt tatsächlich so, wie sie ist, und doch ganz anders.

Boris Eldagsen ist in der Serie THE POEMS mit einer scheinbar paradoxen Frage befasst: Wie lässt sich mit dem sicht- und fassbaren Material, das die Welt darbietet, etwas Ungreifbares, nämlich das Unbewusste darstellen?

Anne Lass hat sich für ihre Serie TRIPLE SEVEN ein Sujet ausgesucht, das von Illusionen lebt: Spielhallen. Die reale Welt ist hier vollkommen ausgeblendet, nichts soll den Spieler von seinem süchtigen Tun ablenken.

Gilles Roudière setzt in seiner Serie IMMER IM SEPTEMBER, ISTANBUL ganz auf den Kontrast von Weiß und Schwarz, Licht und Schatten. Dabei werden alltäglichste Szenerien mit Bedeutungen von geradezu apokalyptischen Ausmaßen aufgeladen.

Ulrike Schmitz arbeitet in der Serie MODEL SHIFT mit veralteten wissenschaftlichen Modellen. Sie absorbiert deren Theorien und transformiert sie in einer Art von Performance in ihre eigenen, intuitiv gestalteten Installationen.

So anekdotenhaft die Fotos im einzelnen auch erscheinen, lineare Geschichten erzählen sie nicht. Sie stellen mehr Fragen als sie Antworten geben und fordern die Betrachter auf, ihre jeweils ganz eigenen Erzählungen zu erschaffen.

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